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HERZ-JESU-KIRCHE: Eine sensationelle sakrale „Schuhschachtel“

Die Anwohner bezeichnen den kompromisslosen Neubau als „Baucontainer“ oder „Schuhschachtel“, Architekten pilgern in Scharen zum „Ferrari unter den Kirchen“. Und ein bayerischer mittelständischer Metallbauer hat mit der Ausführung der Stahl-Glas-Fassade wesentlich zum Erfolg dieser architektonischen Sensation beigetragen.

Die Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen ist die dritte Kirche an diesem Standort, nachdem die Vorgängerkirchen 1944 und 1994 abbrannten. Der Entwurf der Architekten Allmann, Sattler und Wappner ging unter 158 Arbeiten als Sieger hervor. Amandus Sattler dazu: „Als Vision entwarfen wir ein Gebäude, das unter Ausschöpfung der technischen Möglichkeiten, auf das Wesentliche reduziert die Klarheit des Kirchenraumes herstellt, als Zeichen und Symbol überirdischer Wirklichkeit.“

„Die Tor macht weit“

Der Vergleich mit einer Schachtel ist gar nicht so abwegig, lässt sich der Bau doch wie eine solche öffnen und in ihm stecken – wie bei einer russischen Puppe – zwei weitere Schachteln. Werden die riesigen insgesamt 14 x 8 m großen Portale hydraulisch geöffnet, geben sie den Blick auf die innenliegende „Holzschachtel“ aus Lamellen frei und darin befindet eine „Betonschachtel“ als Empore, die gleichzeitig als Klimaspeicher dient. Sie trägt dazu bei, dass es in der Kirche nie zu kalt oder zu warm wird (im Winter nie unter 15 °C versprechen die Architekten).

Das Leitbild für die äußere Erscheinung der Kirche ist der Bergkristall, der von transparent nach opak wechselt. Weitere Leitmotive in der Gestaltung sind Offenheit, Geborgenheit und Mysterium.

Transparent und offen wirkt die Kirche durch den Vorplatz, die großen Tore und den lichten Raum der Vorkirche. Geborgen fühlt man sich in der Kirche durch die inneren Holzlamellen und das Licht, das zum Altar hin immer heller und weicher wird.

Der Gedanke der Offenheit führte dazu, eine Kirche ohne trennende Mauern zu bauen. Glas kann abtrennen ohne sichtbar zu sein. Damit aus einer Kirche ohne Mauern nicht eine Kirche der Unterkonstruktionen wird war eine neuartige, auf diese Situation abgestimmte Bauweise notwendig.

Das Haupttragwerk sind Stahlrahmen, die oben durch Längsträger verbunden sind. Die Rahmen sind aus scharfkantig geschweißten Vierkantrohren mit bis zu 60 mm Wandstärke und stehen im Abstand von 6,7 m. Die Konstruktion wirkt sehr schlank. Sie ist aber auch sehr labil. Bei Sturm können sich die 16 m hohen Stahlträger um bis zu 8 cm bewegen.

Die Stahl-Glas-Fassade hängt an diesem beweglichen Stahlgebäude. Hängende Profile werden nur auf Zug beansprucht und können daher nicht knicken. Die Hängeprofile sind deshalb scharfkantig gezogene Vierkantrohre, die in den Abmessungen 70 x 50 x 4 mm sehr leicht wirken.

Die ganze Konstruktion wurde auf der Baustelle ohne Schweißen montiert. Sie ist nur gesteckt und ab und zu unsichtbar verschraubt. Die Rohre mussten eigens hergestellt werden, weil bei diesen Steckverbindungen für die hängenden Pfosten außen und innen scharfe Kanten benötigt wurden. Die waagerechten, beweglichen Riegel sind von oben eingefahren und dann eingesteckt. Nach der Verglasung war die Verbindung fest.

Glas als tragendes Bauteil

Die Windkräfte werden durch 6,7 m lange, liegende Glasschwerter auf den Stahlbau übertragen. Zur Einleitung der Kräfte ist ein U-Profil aus Edelstahl auf das Glasschwert aufgeklebt. Diese Verklebung musste zugelassen und überwacht werden, obwohl die Belastung nur etwa bei 3 Prozent der zulässigen Last liegt.

Die Glasschwerter bestehen aus jeweils drei verklebten Scheiben. Sie sind so dimensioniert, dass eine einzelne Scheibe bereits die ganze Last tragen könnte. Auch bei Zerstörung aller drei Scheiben verhindert die Resttragfähigkeit ein Herunterfallen der Schwerter.

Damit die Glasschwerter durch ihr Eigengewicht nicht durchhängen und bei Belastung nicht ausknicken, werden sie zusätzlich an den Endpunkten und in der Mitte durch vertikale Glasschwerter abgestützt. Von innen sieht die Glaswand wie ein riesiger Setzkasten aus.

Die Anwendung von Glas als tragendes Bauteil ist nicht in den anerkannten technischen Vorschriften geregelt. Somit war für den Einsatz dieses Baustoffes nach den Landesbauordnungen für die Erteilung einer Baugenehmigung eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung oder eine Zustimmung im Einzelfall durch die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern (OBB) erforderlich. Dafür wurden durch das i.f.t. Rosenheim und die TU München umfangreiche Versuche und Berechnungen durchgeführt.

Die Fassadenscheiben, die innen und außen trennen, haben mehrere Funktionen zu erfüllen. Im Bereich der Vorkirche ermöglichen sie die Einsicht und schaffen so eine Verbindung von innen und außen. Im Hauptkirchenbereich lassen sie das Licht durch und verhindern die Durchsicht und schaffen so Geborgenheit. Der Baukörper wirkt bei Nacht wie ein strahlender Kristall.

Das Glas wurde für diese Anforderungen folgendermaßen konzipiert. Auf der Innenseite des Isolierglases ist eine Scheibe, die zunächst klar und dann immer stärker mit einem gerichteten Eiskristallsiebdruck bedruckt wurde. Dieser Siebdruck hat einseitig eine erhabene Struktur. Die äußere Scheibe besteht aus einer Verbundglasscheibe. Die Innenscheibe hat innenseitig eine Metallbeschichtung um Sonnen- und Wärmeschutz zu gewährleisten.

Die Außenscheibe hat außenseitig einen flächigen Siebdruck mit einem Ätzton. Dieser Ätzton ist in Abstufungen gedruckt. Der Kristall wandelt sich von transparent in opak. Es gibt nur sehr wenige gleiche Scheiben an der ganzen Kirche.

Je einfacher desto komplexer

Die Verbundglasscheiben stehen auf unsichtbaren Konsolblechen vor den Riegeln und sind von außen zusätzlich sichtbar verklotzt. Jedes Glasfeld ist mit Klötzen einzeln ausgerichtet. Diese Alu-Keile sind alle individuell gefräst, damit die Scheibenkanten alle senkrecht untereinander stehen. Um das hinzukriegen musste unwahrscheinlich viel getestet und probiert werden.

Damit außen der Eindruck des Kristalls nicht durch Deckleisten zerstört wird, wurden diese flächenbündig eingebaut. Dazu wurde die Außenscheibe des Verbundglases allseitig um 20 mm zurückgenommen. In dieser Stufe ist dann die Deckleiste und die Abdichtung angebracht. Es entsteht von außen der Eindruck, dass beim Kirchenbau Glasscheibe auf Glasscheibe gesetzt wurde, wie bei einer Mauer. Der geneigte Betrachter ahnt unwillkürlich, dass es sich hier nicht um eine normale Sprossenverglasung handelt. Der Kreuzanschluss der Deckleisten in der Mitte ist auch ein Symbol für die Kirche.

Die tiefblauen Scheiben des Tores sind ebenfalls mit Eiskristalldruck ausgeführt. In einer eigens entwickelten Keilschrift aus Kreuznägeln wurden verschlüsselte Texte aus der Bibel aufgedruckt.

Die Scheiben (2 x 5 mm ESG mit einem SZR von 20 mm) für die Tore haben sich während des Beschichtungsprozesses verzogen. Deshalb mussten sie eingeklebt werden. Damit entstand eine Structural-Glazing- Fassade. Die auffallenden silbernen Stege waren wegen des Windsogs erforderlich. In den USA hätte man die sichtbare mechanische Sicherung bestimmt weglassen dürfen.

Für den ganzen Kirchenbau haben die Gegensätze Einfachheit und Komplexität eine große Bedeutung. Je mehr man sich bemüht einfache Dinge zu schaffen umso mehr und kompliziertere Mittel muss man anwenden. Davon kann der Metallbauer Brandl ein Lied singen, aber das besonders gern und schön.




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