Berufsorganisation: „Jeden Kunden individuell unterstützen“

Als Unternehmerin und Landesinnungsmeisterin in Rheinland-Pfalz ist Ingrid Seibert-Hess eine wichtige Gestalterin der Metallhandwerks-Szene. Lesen Sie, welchen Aufgaben sie sich als Unternehmerin und im Ehrenamt besonders widmet.

Seiber GmbH, Feinwerkmechanik
Dem nicht nur finanziell hohen Aufwand für Dokumentation von Abläufen setzen wir in unserem Betrieb seit Jahren eine konsequente Qualitätsprüfung entgegen. Foto: M&T

Frau Seibert-Hess, Sie sind Landesinnungsmeisterin des Fachverbandes Metall Rheinland-Pfalz. Warum haben Sie sich für dieses verantwortungsvolle Ehrenamt zur Verfügung gestellt?
Bereits vor dem Zusammenschluss der Verbände Rheinland-Rheinhessen und Pfalz war ich Landesinnungsmeisterin für die Pfalz. Nach der Fusion fungierte ich als stellvertretende Vorsitzende. Nach dem Ausscheiden von Herrn Gieraths als Landesinnungsmeister musste ein Generationswechsel eingeleitet werden. Da bislang nur wenige jüngere Kollegen in der Verantwortung waren, stellte ich mich zur Verfügung, um jüngere Kollegen an die Verbandsarbeit, auch in Bezug auf die Aufgaben im Bundesverband, heranzuführen.

Sie haben aktiv die Zusammenführung von zwei Landesverbänden zum vereinigten Landesverband Rheinland-Pfalz gestaltet. Was sind heute die größten Vorteile der Fusion für die Mitglieder?
In unserem deutlich größeren Verband haben wir die Möglichkeit, unseren Mitgliedern wirklich attraktive Leistungen zu bieten. Daneben werden die kleinen Landesverbände im Bundesverband oftmals nicht wirklich wahrgenommen. Als größerer Verband erhoffen wir uns dort ein wenig mehr Gewicht. Trotzdem bleiben weitere Verbesserungen im Miteinander wünschenswert.

Welche Aufgaben sehen Sie im Landesverband in der nächsten Zeit als vordringlich an?
Unser Landesverband sollte sowohl im BVM als auch in der Politik ein stärkeres Gewicht erhalten. Es sollte uns gelingen, die Bedürfnisse der Handwerksbetriebe darzustellen und Verständnis in Politik und Gesellschaft für notwendige Umstrukturierungen, zum Beispiel in der Steuer- und Sozialpolitik, vor allem aber bei der immer weiter ausufernden Bürokratie zu Gunsten des Mittelstandes zu wecken.

Was tut der Landesverband als Dienstleister für seine Mitgliedsbetriebe?
Wir bieten breit gefächerte Beratungsleistungen an. Aufgrund unserer Kooperation mit Thüringen kann in beiden Verbänden juristische, technische und betriebswirtschaftliche Hilfestellung bis hin zur Vorbereitung zur Zertifizierung angeboten werden. Dabei können wir auf besonders im Handwerk qualifizierte Fachkräfte zurückgreifen, die bei Problemen mit Behörden, Banken sowie Kunden oder Lieferanten unterstützend tätig werden.

Ingrid Seibert-Hess ist Gewinnerin des Feinwerkmechanikpreises 2017.

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Welche neuen Serviceleistungen wollen Sie als Landesverband anbieten?
Aktuell ist ein weiterer Ausbau der bestehenden Angebote angedacht, insbesondere in der Weiterqualifikation unserer Mitglieder im technischen wie betriebswirtschaftlichen Bereich.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Zusammenhang mit Wirtschaft 4.0? Wie stellt sich Ihr Betrieb darauf ein?
Die Idee der vernetzten digitalisierten Wirtschaftswelt ist eine Herausforderung für alle Teilnehmer. Die Entwicklung, immer schneller, immer direkter, immer mehr und genauere Informationen, aber auch Waren im System fließen zu lassen, hat eine kuriose Situation entstehen lassen. In der Industrie stellen hierarchische Strukturen meines Erachtens ein enormes Hindernis für 4.0 dar, da keine Entscheiderebene übergangen werden darf. Im Handwerk - in dem auch bei 20 oder 30 Mitarbeitern im Grunde genommen noch von einem Kleinbetrieb gesprochen werden kann - eingestellt auf hohe Flexibilität bei kurzen Entscheidungswegen, ist der direkte Draht sozusagen naturgegeben. Das Herunterbrechen der Stückzahlen auf „Eins“ wird in der Industrie noch länger die Strukturen beschäftigen, während wir Kleinbetriebe dies seit Jahrzehnten beherrschen. Die Vernetzung mussten und wollten wir von Beginn an mitmachen, um auf dem Stand der Entwicklung zu sein. Dem nicht nur finanziell hohen Aufwand für Dokumentation von Abläufen setzen wir in unserem Betrieb seit Jahren eine konsequente Qualitätsprüfung entgegen, sodass wir gut auch auf kommende Herausforderungen eingestellt sind.

Sie waren auf dem Gemeinschaftsstand des BVM auf der Messe Z in Leipzig mit dabei. Was bringt eine solche Messeteilnahme an einem Gemeinschaftsstand?
Im Jahr 2017 konnten wir leider nur Werbung für unseren Betrieb machen und unseren Stammkunden zeigen, dass wir auch den Auftritt auf einer internationalen Messe nicht scheuen. Leider kam es zu keinem neuen Kundenkontakt. Im Jahr 2015 dagegen konnten wir mehrere Neukunden durch die Messe Z hinzugewinnen, aus denen sich regelmäßige Geschäftsbeziehungen ergeben haben.
Sie leiten einen Familienbetrieb, der sich dem Sondermaschinenbau verschrieben hat. Welches sind Ihre Spezialitäten?
Unser Bestreben sind extreme Flexibilität und der Anspruch, jeden Kunden individuell bei seinen Problemen zu unterstützen. Wir sind in unserem Maschinenpark sehr breit aufgestellt und können daher auch Reparaturen oder Instandsetzungen schnell und direkt erledigen. Da wir mit verschiedenen Konstruktionsbüros sowie einem Elektroanlagenbauer zusammenarbeiten, bieten wir für die verschiedensten Branchen auch neu entwickelte Komplettanlagen inclusive Steuerung an.

Seiber GmbH, Feinwerkmechanik
Ich strebe ein möglichst breit aufgestelltes Kundenportfolio und einen möglichst vielseitig und hoch qualifizierten Mitarbeiterstamm an.

Wie ist die momentane konjunkturelle Situation?
Das Jahr 2017 zeichnet sich dadurch aus, dass wir eine hohe Stabilität des Auftragseingangs ohne eine konjunkturelle Delle verzeichnen können.

Mit welchen Problemen hat sich ein mittelständischer Metallhandwerksbetrieb gegenwärtig vor allem auseinanderzusetzen?
Derzeit besteht unser Hauptproblem in einem enormen Termindruck, während der Preisdruck deutlich nachgelassen hat. Geradezu ein Glücksspiel ist inzwischen der Einkauf bei einem Teil unserer Lieferanten, vor allem bei großen Firmen für Kaufteile, soweit es die Lieferzeiten betrifft. Diese sind für uns zum Teil nicht mehr kalkulierbar mit entsprechenden Auswirkungen auf unsere Liefertermine.

Was tun Sie für die Qualifizierung Ihrer Mitarbeiter?
Zur Weiterqualifizierung unserer Mitarbeiter nutzen wir die Angebote der Kammern sowie der Zulieferer, insbesondere im Werkzeugbereich.

Wie machen Sie Ihren Betrieb zukunftsfest?
Ich strebe ein möglichst breit aufgestelltes Kundenportfolio und einen möglichst vielseitig und hoch qualifizierten Mitarbeiterstamm an. Jungen und geeigneten Mitarbeitern wird durch finanziell unterstützte Weiterbildung im Meister- und Technikerbereich eine Chance gegeben, leitende Funktionen zu übernehmen. Daneben sind gute Kontakte zu den Kunden und Partnerfirmen entscheidend.

Wie gelingt es Ihnen, geeignete Lehrlinge zu finden und zu binden?
Wir verspüren derzeit noch keinen Mangel an Auszubildenden oder auch nur Bewerbungen. Wir sind in unserem Raum als High-Tech-Betrieb bekannt und zeigen dies innerhalb des Betriebes regelmäßig durch die Bereitschaft, Praktikanten einen Einblick zu gewähren. Wir versuchen auch Teilnehmern aus Erstqualifikationsmaßnahmen eine Chance zu geben und zeigen unseren Auszubildenden die Möglichkeiten auf, sich im Beruf und im Betrieb weiterzuentwickeln. Aktuell fördern wir die Weiterbildung eines angehenden Meisters finanziell und im neuen Schuljahr werden wir die Ausbildung eines Mitarbeiters zum Maschinenbautechniker unterstützen. Diese Maßnahmen werden offen im Unternehmen kommuniziert, sodass auch die Lehrlinge einen Anreiz haben, den Betrieb nicht sofort nach der Ausbildung zu verlassen. Gleichzeitig vermitteln wir jedoch auch, dass Berufserfahrung für die Übernahme einer Führungsposition unerlässlich ist.

Sie bewegen sich als Frau in einem Beruf, der überwiegend eine Männerdomäne ist. Welchen Rat würden Sie anderen Frauen, die sich für eine Karriere als Metallhandwerks-Unternehmerin entscheiden, mit auf den Weg geben?
Eine Frau in dieser Männerwelt sollte sich bereits vor Beginn über Ihr Durchsetzungsvermögen im Klaren sein. Eine gewisse Hemdsärmeligkeit und die Fähigkeit, einen rauen Umgangston hinzunehmen, sind ebenfalls hilfreich. Man sollte es ertragen können, erst einmal belächelt zu werden; dies ändert sich erfahrungsgemäß sofort dann, wenn man Kompetenz vermittelt. Jedenfalls sollte man nicht darauf bauen, als Frau per se einen Vorteil in Anspruch nehmen zu können oder von sogenannten Männerwitzen verschont zu bleiben.

Seiber GmbH, Feinwerkmechanik
Wir sind in unserem Maschinenpark sehr breit aufgestellt und können daher auch Reparaturen oder Instandsetzungen schnell und direkt erledigen.

Sie haben vor wenigen Tagen den Feinwerkmechanik-Preis 2017 gewonnen. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Als kleiner Handwerksbetrieb mit gerade einmal 14 Mitarbeitern für die Entwicklung einer Sondermaschine den Feinwerkmechanik-Preis zu gewinnen, ist für meine Mitarbeiter und mich etwas ganz Besonderes. Zwar bedienen wir bereits seit Jahrzehnten immer wieder Kunden mit Prototypen, die wir nach den Vorstellungen unserer Auftraggeber konstruieren und fertigen. Wenn aber nicht nur diese die damit einhergehenden Verbesserungen ihrer Betriebsabläufe zu schätzen wissen, sondern eine Anerkennung unserer Arbeit quasi öffentlich mit dem Feinwerkmechanik-Preis erfolgt, ist dies für uns eine schöne Bestätigung und zugleich Ansporn, diesen Weg weiter zu gehen. Darüber hinaus ist es eine Auszeichnung, die auch nach außen modernes Handwerk – Stichwort Nachwuchswerbung - vermitteln kann.

Firmenprofil Hermann Seibert GmbH
In unserem seit 1950 als Familienbetrieb geführtem und gewachsenen Unternehmen beschäftigen wir derzeit zehn, zumeist im Unternehmen ausgebildete Mechaniker bzw. Zerspaner , zwei Auszubildende sowie zwei Mitarbeiterinnen in der Verwaltung.
Für die Wartung von Kundenanlagen setzen wir ausschließlich Feinwerktechnikmechaniker ein.
Wir verfügen über eine hohe Fertigungstiefe. Neben der Zerspanung – überwiegend CNC-Drehen und CNC-Fräsen – umfasst unser Leistungsspektrum das Rund- und Flachschleifen sowie Läppen. Darüber hinaus steht uns eine Senkerodiermaschine zur Verfügung, um z.B. Sackbohrungen mit vielfältigsten Konturen herzustellen. Komplettiert wird unser Fertigungsspektrum durch die Möglichkeit, selbst gefertigte Teile im Haus bis zu einer Wuchtgüte von G 2,5 dynamisch auszuwuchten, was wir aber auch als Dienstleistung für Fremdteile anbieten.
Für alle hier genannten Fertigungsbereiche steht speziell geschultes Personal zur Verfügung.
Weitere Serviceleistungen wie Instandsetzung von Lagersitzen durch thermisches Aufspritzen von Keramik, Gleitlagermaterial oder korrosionsbeständigem Material gehören ebenso zu unserem Leistungsspektrum wie das Reparaturschweißen.
Konstruktion, Fertigung und Inbetriebnahme ganzer Anlagen werden in Zusammenarbeit mit renommierten Konstruktionsbüros in unserem Haus realisiert.
Die Überwachung aller Produktionsschritte sowie die Kontrolle der Produktionsqualität erfolgt durch unseren Meister sowie den Qualitätsbeauftragten.

Persönlicher Werdegang

  • Geboren 1957 in Lambrecht in der Pfalz
  • Besuch des Gymnasiums in Neustadt.
  • Abitur 1976
  • Ab 1976 Studium der Wirtschaftspädagogik sowie des Wirtschaftsingenieurwesens in Mannheim.
  • Studienabschluss 1982 als Diplomhandelslehrer und 1983 als Diplomwirtschaftsingenieur.
  • Nach Studienabschluss Eintritt in das elterliche Unternehmen.
  • Ab 1985 Übernahme von ehrenamtlichen Tätigkeiten im Verband Pfalz.
  • Zunächst Mitglied der Tarifkommission und Landesfachgruppenleiter für den Maschinenbau.
  • Danach stellvertretende Landesinnungsmeisterin, ab 2006 bis zur Fusion 2010 Landesinnungsmeisterin der Pfalz.
  • Mit der Fusion stellvertretende Landesinnungsmeisterin bis zum Ausscheiden von Peter Gieraths. Seither Landesinnungsmeisterin
  • Daneben Tätigkeiten als Obermeisterin der Metallhandwerkerinnung deutsche Weinstraße bis zur Fusion zu Beginn des Jahres 2017.
  • Von 2005 bis 2015 ehrenamtliche Arbeitsrichterin beim Arbeitsgericht Ludwigshafen.
  • Seit 2005 Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer der Pfalz.
  • Von 2004 bis 2007 Studium zum Gesundheitsmanager mit dem Abschluss des Masters of Science zur Erweiterung des persönlichen Horizonts.