"Dem Schaden respektvoll begegnen"

Schweißschäden: Seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt sich Prof. Jochen Schuster, Fachbereichsleiter „Schweißmetallurgie“ in der SLV Halle mit der Analyse von Schäden. Lesen Sie, welche Tipps zur Schadensvermeidung er gibt.

Professor Schuster
„Besonders ärgerlich ist es, wenn der Schaden durch eine reklamationssichere Werkstoffbestellung ohne besonderen Aufwand von vornherein hätte vermieden werden können.“
Foto: M&T

Sie bilden Schweißfachmänner (SFM) und Schweißingenieure (SFI) weiter. Wo liegt dabei der Schwerpunkt?

Durch die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt Halle werden pro Jahr mehr als 250 Schweißfachleute ausgebildet. Dazu zählen Ingenieure, Techniker und Facharbeiter. Da es sich dabei um Lehrgänge handelt, deren Inhalt durch das International Institut of Welding (IIW) vorgegeben werden, ist sichergestellt, dass die Abschlüsse aller Absolventen weltweit gültig sind und in allen der gegenwärtig etwa sechzig Mitgliedsländern des IIW anerkannt werden, also von Australien bis in die Vereinigten Staaten.

Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt bei den Werkstoffen und ihrem Verhalten beim Schweißen. Dieses Hauptgebiet ist dabei auch einer der wichtigsten Ausbildungsschwerpunkte in den Lehrgängen, da ohne solche nur Luftschlösser entworfen, gebaut und in ihrer Qualität geprüft werden können. Doch im Ernst, natürlich sind die anderen Hauptgebiete genauso wichtig, da alle Schweißaufsichtspersonen eine umfassende theoretische und – durch unsere erfahrenen Schweißlehrer – auch praktische Ausbildung erhalten, um für ihren Einsatz in der Wirtschaft bestmögliche Voraussetzungen zu erhalten.

Was kann man tun, um Schweißschäden zu vermeiden?

Das ist ganz einfach. Nicht schweißen, sondern schrauben, aber nicht kleben! Doch Spaß beiseite. Natürlich ist das in der Regel nicht möglich, da das Schweißen meist das wirtschaftlichste Fügeverfahren ist und auch bei Schraubverbindungen eine Menge Fehler gemacht werden können. Jede Schmelzschweißung führt aufgrund ihrer Wärmewirkung immer zu einer Schädigung der miteinander zu verbindenden Werkstoffe. Aus diesem Grund ist es zwingend erforderlich, sich mit den Besonderheiten des Schweißens, aber auch seinen möglichen Gefahren näher auseinanderzusetzen. Da jeder Schadenfall seine individuellen Besonderheiten aufweist und manchmal auch über das eigene Wissen hinausgeht, sind Dabei einerseits der Erfahrungsaustausch mit Fachkollegen und andererseits die Recherche in der einschlägigen Fachliteratur zwingend erforderlich. An dieser Stelle möchte ich dem Coleman-Verlag für die Fachbuchreihe „Schäden im Metallbau“ meinen besonderen Dank aussprechen, da in dieser Reihe sehr viele Schadenfälle, deren Analyse und vor allem deren Vermeidung übersichtlich zusammengestellt wurden.

Was war Ihre Intention bei der Mitarbeit an dem Buch „Schweißschäden“?

Da möchte ich Ihnen mit einer alten Weisheit antworten: „Fehler sind dazu da, um daraus zu lernen“. Jeder der im Buch „Schweißschäden“ veröffentlichten Schadensfälle und deren Ursachenanalyse hilft dabei, vergleichbare Schäden in Zukunft erst gar nicht entstehen zu lassen. Der aufmerksame Leser kann dabei sprichwörtlich „Aus den Fehlern anderer klug werden“. Sollte es jedoch bereits zu Problemen gekommen sein, findet er im Buch eine Vielzahl sachdienlicher und fachlich fundierter Hinweise zur Schadensbehebung sowie deren Vermeidung.

Mit welchen Schäden haben Sie besonders häufig zu tun?

Sehr oft sind das Schäden, die infolge einer Kombination ungeeigneter oder auch falscher Werkstoffauswahl im Zusammenspiel mit Betriebsbeanspruchungen entstanden, für die die Werkstoffe nicht geeignet waren. Besonders ärgerlich ist es, wenn der Schaden durch eine reklamationssichere Werkstoffbestellung ohne besonderen Aufwand von vornherein hätte vermieden werden können. In der Praxis herrscht viel Unwissen und manchmal auch viel Ignoranz. Doch besonders ärgerlich ist es, dass an vielen unserer Hoch-, Fach- und auch Berufsschulen diesem Thema offenbar überhaupt keine Bedeutung beigemessen wird. So werden auch in zahlreichen wissenschaftlichen Fachartikeln immer wieder Trivial- oder Händlerbezeichnungen für in Europa genormte Werkstoffe verwendet. Ich denke da insbesondere an solche Bezeichnungen wie V2A und V4A. Auch hat sich der Begriff des „Edelstahls“ vor nahezu zwanzig Jahren grundlegend geändert. Wer dagegen ankämpft, kommt sich oft wie Don Quijote in seinem Kampf gegen die Windmühlen vor. Doch steter Tropfen höhlt den Stein – zum Positiven.

Welche Fehler werden immer wieder gemacht?

Viele Fehler konzentrieren sich auf Einsatz und Verarbeitung von nichtrostenden Stählen. So werden diese Werkstoffe in ihrer tatsächlichen Korrosionsbeständigkeit häufig überschätzt. Hinzu kommt sehr oft eine große Portion Halbwissen bei der Auswahl und dem Einsatz dieser Stähle. Dabei spielt vor allen das Internet eine unrühmliche Rolle, da dort jeder, fachlich ungeprüft, seinen Blödsinn veröffentlichen kann. Das ist in Fachzeitschriften und -büchern nicht so. Das darin publizierte Wissen wird in der Regel durch eine Redaktionskommision und in jedem Fall durch den verantwortlichen Redakteur gewissenhaft redigiert. Von gravierenden Verarbeitungsfehlern möchte ich darüber hinaus gar nicht erst reden.

Wie lassen sich diese Fehler vermeiden?

Durch fundamentales Fachwissen, also ein gute Berufsausbildung und ständige Weiterbildung. Diese haben sich in der Fügetechnik insbesondere die Bildungseinrichtungen des DVS, zu denen ja auch die SLV Halle zählt, der Metallhandwerksverbände und der Handwerkskammern auf ihre Fahne geschrieben. Wir sprachen ja zu Beginn über die Ausbildung von Schweißfachpersonal.

Wann ist die Klärung der Schadensursache besonders schwierig?

Wie ich bereits erwähnt habe, weist jeder Schadensfall seinen eigenen „Charakter“ auf und erscheint zunächst wie das sprichwörtliche Buch mit sieben Siegeln. Im Laufe meines Berufslebens habe ich gelernt, dem Schaden respektvoll und mit einer gesunden Portion von „Demut“ zu begegnen. Besonders schwierig ist die Klärung der Schadensursache dann, wenn – aus welchen Gründen auch immer – durch den Auftraggeber nicht alle Details zu den schadensverursachenden Umgebungsbedingungen mitgeteilt oder falsche Angaben zum tatsächlichen Schadensablauf gemacht werden. Nur ein systematisches Vorgehen bei der Schadensfallanalyse, unter Anwendung modernster Analysentechnik – und nicht oberflächliche Behauptungen – wie ich es leider oft bei öffentlich bestellten Sachverständigen, die aus kommerziellen Gründen außerhalb ihres Fachgebietes „wildern“, gesehen habe, deckt die tatsächlichen Schadensursachen auf. Dabei ist der direkte Kontakt zum Kunden auf Augenhöhe sehr wichtig.

Zum Schluss noch einen Tipp für die Metallbauer zur Schadensvermeidung!

Da zitiere ich gern den Leitspruch, den sich offensichtlich (inoffiziell) einer Reihe von Versicherungsunternehmen zu Eigen gemacht hat: „Dummheit ist der billigste Rohstoff, mit dem sich das meiste Geld verdienen lässt.“ Aus diesem Grund, bilden Sie sich ständig weiter. Auch die Technik und Wissenschaft entwickeln sich ständig weiter. Dazu existiert in der Gegenwart eine Vielzahl von Möglichkeiten. Ich denke dabei bevorzugt an Fachbücher und Fachzeitschriften, zum Beispiel aus dem Coleman-Verlag. Seien Sie vorsichtig bei Ratschlägen aus dem Internet. Da ist es nicht immer leicht, die Spreu vom Weizen zu trennen. So finden Sie neben sachdienlichen Hinweisen auch eine Menge von fachlichem und pseudowissenschaftlichem Unfug. Die diesbezüglichen Inhalte öffentlich zugänglicher Internetseiten sind in der Regel inhaltlich flach und enthalten oft fachliche Fehler. Scheuen Sie sich nicht, im Zweifelsfall den Rat von Experten einzuholen.

Hier finden Sie weitere Ausführungen von Prof. Schuster zu speziellen Schadensfällen und zur Ausbildung von SFM und SFI (PDF)

Letzte Aktualisierung: 06.12.2019