Interview: „Internationalität wirkt sich positiv aus“

Um das Fachkräfteproblem zu lösen setzt die Firma SPS Schiekel Präzisionssysteme mit Erfolg auch auf ausländische Beschäftigte. Ein Gespräch dazu mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter Dr.-Ing Peter Schiekel sowie Jana Merzdorf, in der Unternehmensleitung zuständig für Personal und Finanzen.

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Die SPS Schiekel setzt bei der Mitarbeitersuche auf ausländische Arbeitskräfte. Darüber sprachen wir mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter Dr.-Ing Peter Schiekel sowie Jana Merzdorf, in der Unternehmensleitung zuständig für Personal und Finanzen.

Auch um die ostdeutsche Wirtschaft macht der latente Fachkräftemangel längst keinen Bogen mehr. Der renommierte Edelstahlverarbeiter SPS Schiekel Präzisionssysteme in Dohna bei Dresden setzt deshalb seit Jahren mit Erfolg auch auf ausländische Beschäftigte. Mitarbeiter aus sieben Ländern sind in dem Unternehmen inzwischen tätig. Nicht alle Hoffnungen gingen auf, doch die Entwicklung ist positiv.

Herr Dr. Schiekel, Frau Merzdorf, Sie haben heute Beschäftigte aus sieben Ländern: Wonach schauen Sie als erstes, wenn sich ein Ausländer bei SPS bewirbt oder an Sie empfohlen wird?
Merzdorf: Als erstes schaue ich danach, dass wir das Gespräch zu sechzig Prozent auf Deutsch führen können. Die deutschen Sprachkenntnisse sollten ausbaufähig sein. Danach folgen natürlich Aspekte wie bei jedem deutschen Bewerber auch: Wie ist die Persönlichkeit und passt diese zu unserer SPS-Familie? Stimmt es fachlich oder wo gibt es Qualifizierungsbedarf? Und da wir bei jedem möglichen Mitarbeiter, der eine längere Anfahrt zu uns benötigt, zunächst auch investieren müssen, wollen wir auch herausfinden, ob er gewillt ist, länger im Unternehmen zu bleiben. Es bringt uns nichts, wenn jemand eine Stelle annimmt, um erst einmal etwas zu haben, sich dann aber bald nach Neuem umsieht. Dies klopfen wir also vorher schon etwas intensiver ab.

Wie kommen ausländische Bewerber eigentlich mit Ihnen in Kontakt – vor allem per Empfehlung?
Merzdorf: Wir nutzen alle bekannten Kanäle. Mancher kommt von selbst, weil er vielleicht eine Anzeige oder einen Zeitungsartikel über uns gelesen hat. Daneben arbeiten wir eng mit der Arbeitsagentur zusammen und ebenso mit Personaldienstleistern im Ausland. Immer wieder gibt es aber auch interne Weiterempfehlungen durch ausländische Kollegen, die bereits bei uns tätig sind. Das betrifft vor allem tschechische und polnische Bewerber.

Wie hoch ist der Anteil an Initiativbewerbungen?
Schiekel: Er liegt bei etwa zehn Prozent, wobei ich hier nicht zwischen deutschen und ausländischen Bewerbern unterscheide. Aber diese Zahl wächst, was ich sehr maßgeblich auf unsere vielseitige Öffentlichkeitsarbeit zurückführe.

Ausländische Mitarbeiter bringen natürlich besondere Probleme mit sich. Würden Sie, wenn Sie ausreichend deutsche Bewerber hätten, lieber darauf verzichten?
Schiekel: Ganz klar – nein! Und das nicht nur, weil sie oft deutlich bescheidener sind als mancher deutsche Bewerber, was ihre Forderungen und Ansprüche an das Arbeitsumfeld betrifft. Nicht vom Lohn her, da gibt es keine Unterschiede bei SPS, sondern von dem, was man noch als Benefit dazugibt. Bei Ausländern erlebe ich wesentlich weniger Anspruchsdenken.
Merzdorf: Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass sich diese Internationalität bei uns sehr positiv auf die Unternehmenskultur auswirkt. Sie erweitert auch den Horizont der deutschen Mitarbeiter, fördert Toleranz, hilft, Barrieren im Denken abzubauen.

Erleben Sie Unterschiede zwischen Mitarbeitern aus Osteuropa und etwa Spaniern, mit denen Sie ja schon seit Jahren Erfahrungen sammeln konnten?
Merzdorf: Menschlich sehe ich da keine großen Unterschiede, eher beim Willen, Deutsch lernen und sprechen zu wollen. Osteuropäer sind da wesentlich agiler, sie reden auch untereinander dann häufig Deutsch. So haben wir den Spaniern, die bei uns tätig sind oder waren, jahrelang Deutschkurse bezahlt, doch die Ergebnisse sind deutlich schlechter als bei Kollegen aus anderen Ländern, selbst Indonesiern.
Schiekel: Bei Polen, Tschechen oder Ungarn hat man das Gefühl, sie schauen stärker und bewusster nach Westen. Sie wollen hier ankommen, sich integrieren. So sehen sie es auch als Chance, eine Fremdsprache zu beherrschen.

Sie beschäftigten teilweise 14 Spanier, nur einer ist noch da. Bereuen Sie im Nachhinein dieses Engagement. Immerhin hat es Sie ja auch viel Geld gekostet?
Schiekel: Ja, um die 100 000 Euro, noch ohne weiche Nebenkosten. Aber ich bereue dies überhaupt nicht. Wir sahen das als Chance, die wir beherzt ergriffen haben, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Und wenn man es nicht wenigstens probiert, weiß man später auch nicht, ob es zum Ziel führt.

Worauf führen Sie diese Fluktuation der spanischen Mitarbeiter zurück?
Schiekel: Ich habe mich einmal mit dem Thema beschäftigt und denke inzwischen, dass Spanier generell sehr bodenständig sind und deshalb in der Fremde schwer Fuß fassen. Das sieht man ja auch am sehr geringen Anteil von Spaniern in den USA – im Vergleich etwa zu fast allen großen europäischen Nationen.

Was nehmen Sie dennoch an Erfahrungen für künftiges Recruiting von Arbeitskräften im Ausland mit?
Merzdorf: Künftig schauen wir natürlich auch nach solchen Aspekten, also ob es in einem Land überhaupt zukunftsträchtige Auswanderungstendenzen gibt. Aber grundsätzlich denke ich, dass wir wenig falsch gemacht haben. Das belegt ja auch die hohe Unternehmensbindung unserer Mitarbeiter aus den anderen Ländern. Wir unterstützen sie stets auch bei der Wohnungssuche, bei Sprachkursen, bei Behördengängen, einfach allem, womit sie schneller heimisch werden. Das zahlt sich schon messbar aus.

Letzten Herbst haben Sie nun drei vietnamesische Azubi eingestellt. Warum Vietnamesen?
Merzdorf: Zunächst war dies durch das Bildungswerk der Sächsischen Wirtschaft an uns herangetragen worden. Immerhin gibt es gerade in Ostdeutschland langjährig gute Erfahrungen mit vietnamesischen Mitarbeitern. Man kennt sie hier als fleißig, ehrgeizig, bescheiden. Und nach dem ersten Jahr kann ich das nur bestätigen. Auch aus der Berufsschule kommen durchweg positive Signale. Die drei Vietnamesen sprechen auch schon sehr ordentlich Deutsch, sie bringen sich in Betriebsfeste ein. Sie wollen sich einfach integrieren.

Soll also die Zahl der Ausländer in der Belegschaft weiter wachsen?
Schiekel: So rechnen wir das nicht. Wichtig ist, dass wir überhaupt gute, qualifizierte und motivierte Mitarbeiter finden. Egal, woher sie kommen.

Muss man nicht auch die deutsche Belegschaftsmehrheit auf die Menschen aus anderen Kulturen vorbereiten, schon um Reibungen zu vermeiden?
Merzdorf: Ja, natürlich. Bei uns gibt es regelmäßig interkulturelle Schulungen, in denen die deutschen Mitarbeiter eingestimmt werden auf ihre neuen Kollegen aus Osteuropa, aus Spanien, aus Asien. Hier erfahren sie wichtige Aspekte zur Kultur oder zu zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in diesen Ländern. Was bedeutet es etwa, wenn ein Vietnamese stets lächelt und nickt: Hat er dann den Sachverhalt wirklich verstanden oder macht er es nur aus Höflichkeit? Und wie geht man dann auf ihn ein? Diese Schulungen kommen im Betrieb sehr gut an.

Noch fehlt indes ein definitives Fachkräftezuwanderungsgesetz…
Schiekel: Ja, wir brauchen in Deutschland dringend eine solide Rechtsgrundlage dafür, dass etwa vietnamesische Azubi später bei uns bleiben dürfen. Die Politik debattiert schon lange darüber, aber noch ist nichts beschlossen. Bis jetzt hoffen wir nur – verbindlich ist leider nichts.

Letzte Aktualisierung: 26.06.2019