Leitern: Prüfen kann Leben retten

(März 2018) Ein schwerer Unfall an einem Notpodest hat wieder die Frage nach den Schuldigen aufgeworfen. Welche Fehler passiert sind und wie der Unfall hätte verhindert werden können, erläutert der Autor Andreas Behnke.

Herausgerissenes Podest einer Notleiteranlage
Das oberste Podest an einer Notleiteranlage ist einfach herausgerissen. Fotos: Behnke

An einem sonnig warmen Tag betraten eine junge Frau (25 Jahre alt) und zwei junge Männer (24 und 26 Jahre alt) gemeinsam das an einer Wohnung eines Mehrfamilienhauses im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld angebrachte Ausstiegspodest einer Notleiter – vermutlich um sich zu sonnen.
Unvermittelt löste sich das Podest aus der Verankerung und stürzte mit den drei Personen in die Tiefe. Glücklicherweise wurde der Aufprall durch parkende Fahrzeuge derart gedämpft, dass keine Todesopfer zu beklagen waren. Die junge Frau lag mehrere Tage im Koma und alle drei Verletzten mussten mehrmals operiert werden.
Über einen bestellten Gutachter wurden ein Statiker und der Autor (als Experte für Not- und Steigleitern) zur Unglücksstelle beziehungsweise zur Begutachtung der sichergestellten Bauteile hinzugezogen.

Lassen Sie die Leitern abnehmen

Eine Untersuchung der Bauteile und der Wand sowie der vorhandenen technischen Unterlagen ergab, dass die Leiter mit den Podesten im Jahre 1995 durch einen regionalen Metallbaubetrieb angefertigt und montiert worden war. Weder durch einen Prüfstatiker noch durch eine Besichtigung des Bauamtes oder der Feuerwehr erfolgte eine ordnungsgemäße Abnahme der Notleiteranlage, was die damalige Bauordnung des Landes Sachsen-Anhalt allerdings auch nicht vorsah. So vergingen 19 Jahre ohne Zwischenfall bis zum Unglückstag was allein schon ein Wunder ist, denn nach Überprüfung der Statik des Podestes konnte es den Anforderungen weder nach heutigen noch nach damals gültigen Normen gerecht werden. Genauso wenig entsprach die angebrachte Leiter einer entsprechenden Norm. Sie war zum Beispiel als einläufige Leiter ohne Zwischenpodest viel zu lang.

Herausgerissenes Podest
Die Belastbarkeit der Dübel hätte bei diesem Untergrund durch Auszugsversuche nachgewiesen werden müssen.

Nach allen baurechtlichen Grundsätzen obliegt dem Eigentümer die Sorgfaltspflicht für seine Immobilien:
Paragraf 3 „Allgemeine Anforderungen“ (in allen Landesbauordnungen ähnlich geregelt): „(1) Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht gefährdet werden.“
Im betrachteten Fall spielt nun der Hauseigentümer eine entscheidende Rolle, denn ihm obliegt insbesondere auch die Instandhaltung der Anlage.

Denken Sie an die regelmäßige Überprüfung

Dazu gehören natürlich auch regelmäßig vorgeschriebene Überprüfungen der Notleiteranlagen. Eine Überprüfung regelt im speziellen Fall die DGUV Information 208-032 (BGI/GUV-I 5189) Auswahl und Benutzung von Steigleitern. Nach dieser Verordnung hat der Betreiber der Notleiter sogar die Möglichkeit die Überprüfungsintervalle selbst festzulegen (im Regelfall wird ein Zeitraum von ein bis zwei Jahren empfohlen). Hätte im vorliegenden Fall der Eigentümer die Leiter prüfen lassen, wäre es wahrscheinlich nicht zum Unfall gekommen.
Ein großes Problem stellen immer wieder die Befestigungspunkte am Mauerwerk dar, denn eine klar geregelte Zulassung ohne Auszugsversuche vor Ort gibt es nur für Betonwände. Bei Mauerwerk (so wie im vorliegenden Fall) ist immer ein Auszugversuch mit Dokumentation am entsprechend verbauten Dübel zwingend vorgeschrieben. Ebenso ist für jede Leiter beziehungsweises jedes Podest mit seiner individuellen Einbausituation eine statische Berechnung erforderlich. Das Fehlen der zuvor genannten Unterlagen (Pläne, Statik, Herstellernachweis der Leiter, Nachweis der Befestigung am Baukörper, Erstprüfung nach der Montage) stellen oft das größte Problem bei der Überprüfung von Notleiteranlagen dar.
Das Fehlen dieser Unterlagen hat zur Folge, dass beispielsweise die Statik kostenaufwendig überprüft werden muss und Auszugsversuche vor Ort durchgeführt werden müssen. Im Zweifel kann das hohe Sanierungskosten oder gar einen Austausch der gesamten Leiteranlage nach sich ziehen.

Achten Sie auf ältere Leitern

verbogenes Podest
Das verbogene Podest zeigt, welche Kräfte beim Absturz gewirkt haben.

Viel zu oft werden die erforderlichen Überprüfungen gar nicht erst durchgeführt beziehungsweise haben die Hausbesitzer oder die Wohnungsverwaltungen gar keine Kenntnis über die erforderliche regelmäßige Prüfung.
Nach drei Todesfällen bei ähnlichen Abstürzen in Köln innerhalb eines Jahres, mit Leitern und Podesten von nur einer Herstellerfirma wurden damals alle 39 Notleitern, die von dieser Firma montiert worden waren, überprüft. An allen 39 Leiteranlagen musste die Befestigung überarbeitet werden.
Besonders problematisch erweisen sich Leitern, die vor dem Jahr 2001 errichtet wurden, da in der bis dahin gültigen Norm für Notleitern erhebliche Mängel hinsichtlich der Lastannahmen bestanden. Auch in den Fällen ist wieder die Statik das Problem, die vielen Anlagen einfach fehlt. Insbesondere Verwalter von Wohnanlagen sollten sich absichern, da jede Leiter ein potenzielles Sicherheitsrisiko darstellen kann.

Lassen Sie die Mieter aufklären

Ein weiterer Problempunkt sind die Nutzer der Anlage selbst. So ist immer wieder die Frage: Wissen denn die Mieter einer Wohnung über die richtige Benutzung der Notleiter überhaupt ausreichend Bescheid? Ein beliebtes Thema bei zurückliegenden Unfällen und Begehungen im Zusammenhang mit Leiterüberprüfungen. Ein kleiner Zusatz im Mietvertrag kann die Verwaltungen enorm absichern, denn wenn dieser der BGI/GUV-I 5189 entspricht, ist der Nutzer/Mieter ausreichend informiert.
Notleitern sind keine Verkehrswege und dürfen nur in Ausnahmefällen als Notbehelf benutzt werden. Ein sichtbares Schild mit der Angabe der maximalen Belastbarkeit eines Podestes kann vor Ort viel Aufklärung bringen. Allzu oft findet man Rettungspodeste von Notleitern vollgestellt mit Bierkästen, Kinderwagen, Pflanzkübeln, Wäscheständern und anderen Utensilien, die dort einfach nichts verloren haben. Gewiss kein Problem der Neuzeit, denn dazu gibt es zum Beispiel Abhandlungen aus dem Jahr 1903, wo ähnliche Dinge auf Feuerleitern und Podesten in New York beschrieben und angemahnt werden.

Fazit: Schützen Sie Leib und Leben

Das Anbringen von Notleiteranlagen ist aufgrund neuer Normen in den letzten Jahren komplizierter aber auch sicherer geworden, trotzdem schlummern an deutschen Immobilien tausende „Bestandsleitern“ und Podeste, die nicht sicher sind. Die Verantwortlichen in den Verwaltungen sollten sich nicht scheuen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Letztendlich geht es aber nicht darum den „schwarzen Peter“ von der Herstellerfirma zum Eigentümer und dann zur Verwaltung oder gar zum Mieter zu schieben, es geht um Leib und Leben von Menschen. 

Aufklärungs-Tipp

Informieren Sie Ihre Kunden Sie sollten Immobilienbesitzer und Hausverwaltungen, die zu Ihren Kunden gehören, darüber informieren, dass Sie für die regelmäßige Überprüfung von Notleitern und Notpodesten nach BGI/GUV-I 5189 verantwortlich sind. Nach dieser Verordnung hat der Betreiber der Notleiter sogar die Möglichkeit die Überprüfungsintervalle selbst festzulegen (im Regelfall wird ein Zeitraum von ein bis zwei Jahren empfohlen). Auch die Aufklärung der Mieter ist sinnvoll. Ein kleiner Zusatz im Mietvertrag und ein sichtbares Schild mit der Angabe der maximalen Belastbarkeit des Podestes können helfen.

Ein Interview mit Johannes Braun finden Sie hier

Ein Link zur BGI/GUV-I 5189 Schadensfälle finden Sie hier

Letzte Aktualisierung: 28.03.2018