Ein Fall für die Galerie

(Mai 2020) Die Montage eines Glasgeländers musste mitten in der Bauphase durch den Sachverständigen gestoppt werden. Die Anzahl der Fehler war erdrückend und offensichtlich. Lesen Sie, wie sie hätten vermieden werden können.

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Das Balkongeländer von der Straßenseite aus. Schon von hier aus lassen sich die zu geringen Randabstände erkennen.
Foto: Sternberger

Wenn an publizierten Schadensfällen etwas positiv ist, dann ganz gewiß der Lerneffekt, denn wer kennt nicht die Redewendung „aus Schaden wird man klug“. Bei vielen Fällen liegt die Schadensursache im versteckten Detail. In diesem Fall waren der Schaden und die Ursache aber offensichtlich.
Aufgrund der eindringlichen Bitte um die kurzfristige Begutachtung eines im Aufbau befindlichen Ganzglasgeländers, wurde sehr zeitnah ein Ortstermin am Objekt durchgeführt. Das Geländer war in der Montagephase und bot dem Auftraggeber aktuell Anlass zum Zweifel an der Ausführungskompetenz des Handwerkers.

Befestigen Sie fachgerecht


An dem Zweifamilienhaus sollten insgesamt drei Ganzglasgeländer montiert werden. Davon zwei an Balkonen zur Straßenseite hin und eines an die Terrasse im Obergeschoss, zum Garten an der Hausrückseite. Schon die erste Betrachtung von der Straße aus, ließ erahnen, dass die Zweifel an der Ausführung angebracht waren.

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Die Fehler sind vielfältig: Verzinkte Verbindungsmittel, Korrosionsspuren, Fehlbohrungen, Abplatzungen etc..
Foto: Sternberger

Die Befestigungen des Bodenprofils der Glasscheiben waren äußerst fragwürdig ausgeführt. Beispielsweise wurden die Randabstände der Anker weit unterschritten. Der zweite Blick offenbarte zudem, dass sowohl die Anker, als auch die Konsolen nicht in Edelstahl rostfrei ausgeführt waren. Die Konsolen zeigten schon Ansätze von Korrosion und waren an vielen Stellen zum Ausgleich nicht fachgerecht unterfüttert. Befestigungen, Bodenprofil, Profileinlagen und Abdichtungen waren keinem einheitlichen System zuzuordnen. Somit lagen auch keine Typenstatik und natürlich auch keine Einzelstatik zu den Brüstungen vor.
Das Unglaubliche erwartete den Sachverständigen allerdings an der Hausrückseite, dem Terrassengeländer zum Garten. Dort waren die Bodenprofile mit einfachen verzinkten Winkelverbindern in minderwertige, zwei Zentimeter dicke Sperrholzplatten, geschraubt. Die wenigen verzinkten Holzschrauben beziehungsweise Spanplattenschauben sollten offensichtlich die Geländerlasten dauerhaft in die leichte Holzkonstruktion abtragen. Der Dilettantismus der Arbeit zeigte sich mit dem Blick unter die Terrassenkonstruktion, quasi auf die Gegenseite der Winkelverbinder. Dort sah man gestückelte Holzklötze auf der Rückseite der „Zwei-Zentimeter-Sperrholzplatten“ in die sporadisch die Spanplattenschrauben geschraubt wurden.

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Die verzinken Winkelverbinder (und die verzinkten Holzschrauben in minderwertiger Sperrholzplatte) waren für die Lastabtragung des Glasgeländers vorgesehen.
Foto: Sternberger

Setzen Sie Systeme ein


Im Verlauf stellte sich heraus, dass sich der „Ein-Mann-Betrieb“ (mit temporären Helfern) mit der Auftragsannahme überfordert hatte. Es fehlte dem Inhaber an entscheidendem Fachwissen und er sieht sich hohen Schadensersatzansprüchen ausgesetzt.
Die Glasgeländer besitzen in ihrer Art weder eine Zulassung noch sind sie standsicher hergestellt. Es bleibt nur der aufwendige Rückbau und ein professioneller Neuaufbau.
In aller Regel (Ausnahme die Zulassung im Einzelfall) bleibt nur die Verwendung eines zugelassenen System-Glasgeländers und die konsequente Einhaltung der Montageanleitung sowie der fachgerechte Einsatz der Systemkomponenten.

Schadensvermeidung

  • Nutzen Sie Systemgeländer
  • Nutzen Sie die am Markt befindlichen Systemglasgeländer mit aktuellen Zulassungen.
  • Halten Sie die Montagevorschriften ein und verwenden Sie nur zugelassene Systemkomponenten.

Beachten Sie folgende Regeln:
  • DIN 18008-4 Glas im Bauwesen; Bemessungs- und Konstruktionsregeln; Zusatzanforderungen an absturzsichernde Verglasungen,
  • DIN EN 1991 Einwirkungen auf Tragwerke,
  • ETB-Richtlinie: Einheitliche Technische Baubestimmung; Bauteile, die gegen Absturz sichern, Hersteller- und Verarbeitungsrichtlinien von Systemgebern.

Autor: German Sternberger aus Leimen ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Metallbauerhandwerk der Handwerkskammer Mannheim.

Infos im Internet/Downloads: Auf www.mt-metallhandwerk.de/downloads finden Sie weitere Bilder von Schadensdetails.

Schadensfälle: Eine Reihe von Schadensfällen zum Thema Geländer ist in den Bänden 1 bis 4 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de .

Fachregelwerk: Wichtige Informationen zum Thema finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik in den Kapiteln 1.10.4 Absturzsichernde Verglasungen und 2.38 Geländer und Umwehrungen. Weitere Informationen zu den Büchern und zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Kundenservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder von Mo-Fr von 7:30 bis 17 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.

Letzte Aktualisierung: 02.06.2020