Ausführungsklassen - Veraltetes Normenwissen

(Dezember 2019) Immer wieder gibt es Streit über die geforderte Execution Class (EXC). Im vorliegenden Fall ging es um ein Geländer in einem Bürogebäude (Arbeitsstätte). Warum dabei unbedingt auch auf die Inhalte aktueller Normen geachtet werden muss, findet sich im Kommentar des Sachverständigen.

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Wird ein solches Geländer in ein Bürogebäude (Arbeitsstätte) eingebaut, muss der ausführende Betrieb „nur“ die EXC1 haben.
Foto: M&T

Der Metallbauer hatte im vorliegenden Fall Geländer für einen mehrgeschossigen Bürogebäudekomplex (Arbeitsstätte) gebaut. Ausgeschrieben waren Treppengeländer aus Baustahl mit Ober- und Untergurt sowie senkrechten Füllstäben und einer Geländerhöhe von hundert Zentimetern. Ausführungszeitraum war der Sommer 2019. Die Abnahme erfolgte im Auftrag des Bauherrn durch einen Sachverständigen einer Überwachungsorganisation – ohne vor Ort geäußerte Beanstandungen.
Im Nachgang wurde der Metallbauer vom Bauherrn mit der Aussage konfrontiert, er hätte die Geländer nicht bauen dürfen, weil seinem Betrieb die bauaufsichtlich geforderten Voraussetzungen fehlten. Erforderlich sei die Zertifizierung nach DIN EN 1090-1 in der Ausführungsklasse EXC2, der Metallbauer sei lediglich in Ausführungsklasse EXC1 zertifiziert. Der Metallbauer widersprach und suchte sich Rat bei einem öffentlich bestelltem und vereidigten Sachverständigen für das Metallbauerhandwerk. Dieser sollte nun die Frage beantworten, welche Ausführungsklasse für die Ausführung der Geländer in Bürogebäuden erforderlich ist.
Der Bauherr berief sich auf den Bericht des Sachverständigen, der die Abnahme der Treppengeländer durchgeführt hatte. Aus dessen Unterlagen ging hervor, dass dieser als Grundlage für seine Betrachtung die Arbeitsstättenverordnung mit der Technischen Regeln für Arbeitsstätten „Schutz gegen Absturz und herabfallende Gegenstände, Betreten von Gefahrenbereichen (ASR A2.1)“ genommen hatte. Unter Annahme einer horizontalen Holmlast von 1,0 kN/m und mit Blick auf die DIN EN 1993-1-1/NA:2017-09, wonach allein „Geländer in Wohngebäuden“ der Ausführungsklasse EXC1 zugeordnet sind, hatte er geschlossen, dass für die Herstellung von Geländern für ein Bürogebäude die Ausführungsklasse EXC2 erforderlich ist. Das ist in zweifacher Hinsicht falsch.

Beachten Sie die Arbeitsstättenverordnung

Bei Arbeitsstätten gelten als maßgebende Regelwerke die Arbeitsstättenverordnung in Verbindung mit den technischen Regeln für Arbeitsstätten sowie die DGUV Vorschrift 1 Grundsätze der Prävention (bisherige BGV A 1 beziehungsweise vormals VBG 1) der jeweiligen Berufsgenossenschaften. Der Bereich der Arbeitsstätten erstreckt sich weit über die produktiven Bereiche der erzeugenden Fertigung hinaus auf Kaufhäuser, Bürogebäude, Autohäuser, Hotels bis zu Verwaltungsgebäuden und Rathäusern.
Wie auch in den meisten Landesbauordnungen festgelegt, sind nach der ASR A2.1 Geländer dort vorzusehen, wo unter anderem eine Absturzhöhe von mehr als einem Meter besteht. Bis zu einer Absturzhöhe von zwölf Meter ist eine Mindesthöhe des Geländers von hundert Zentimeter einzuhalten, oberhalb von zwölf Meter Absturzhöhe beträgt die Mindest-Geländerhöhe 110 Zentimeter.
Als Lastannahme ist eine horizontale Holmlast von 1,0 kN/m vorgegeben. Abweichend können geringere Holmlasten angesetzt werden mit 0,5 kN/m für Umwehrungen an Bühnen und Laufstegen mit lotrechten Verkehrslasten von höchstens 0,5 kN/m und mit 0,3 kN/m für Umwehrungen in Bereichen oder an Verkehrswegen, die nur zu Inspektions- oder Wartungszwecken begangen werden (zum Beispiel Tankdächer, Schauöffnungen an Öfen) sowie an Steckgeländern (siehe ASR A2.1, 5.1).
ASR A2.1 macht zudem Vorgaben für die Ausführung von Geländern. Danach ist für Geländer mit horizontalen Stäben eine Fußleiste von fünf Zentimeter Höhe sowie mindestens eine Knieleiste vorzusehen, wobei der lichte Abstand zwischen Fußleiste und Knieleiste beziehungsweise zwischen Knieleiste und Handlauf nicht mehr als fünfzig Zentimeter betragen darf. Bei Verwendung von senkrechten Stäben darf der lichte Abstand nicht mehr als 18 Zentimeter betragen. Bei Umwehrungen mit anderen Ausfüllungen dürfen die Öffnungen in einer Richtung nicht mehr als 18 Zentimeter betragen.
Das sind Vorgaben für den gewerblichen Bereich. Für alle anderen Bereiche, die auch Arbeitsstätten sind, gelten die Landesbauordnungen und gegebenenfalls Sonderbauvorschriften.

Berücksichtigen Sie die Landes­bauordnungen und Technischen Baubestimmungen

Die Landesbauordnungen verweisen bezüglich der Bemessung und Ausführung auf die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen mit den einschlägigen Normen: Die Lastannahmen sind der DIN EN 1991-1-1/NA:2010-12 zu entnehmen. Die horizontalen Nutzlasten sind je nach Gebäudekategorie mit 0,5 kN/m, 1,0 kN/m oder 2,0 kN/m anzunehmen. Die Lastgröße ist abhängig vom Einbauort: Wohnung, Schule, Arbeitsstätte, Versammlungsstätte etc. In Tabelle 6.12DE ist für „Treppen und Treppenpodeste in Wohngebäuden, Bürogebäuden und von Arztpraxen ohne schweres Gerät (Kategorie T1)“ eine horizontale Holmlast von 0,5 kN/m vorgegeben.
Die Bemessung erfolgt nach DIN EN 1993. Die Vorgaben zu Maßen, lichten Abständen und Toleranzen finden sich in DIN 18065 Gebäudetreppen. Die Geländerhöhen für Arbeitsstätten von 1,0 Meter bis zwölf Meter Absturzhöhe sind darin berücksichtigt (DIN 18065, 6.8.2).
Bezüglich der Ausführung gilt DIN EN 1090-2. Für die Festlegung der Ausführungsklasse ist DIN EN 1993-1-1/NA heranzuziehen. Die DIN EN 1993-1-1/NA liegt mit der Ausgabe 2018-12 vor. Diese Ausgabe enthält Änderungen zur Auswahl der Ausführungsklasse. Das betrifft auch die Ausführungsklasse EXC1 in Zusammenhang mit Geländern.
Während in der Ausgabe 2017-09 noch der folgende Wortlaut zu finden war: „Treppen, Geländer und Balkone in bzw. an Wohngebäuden bis zu einer Konstruktionshöhe von 12 m“, heißt es bezüglich der Geländer in der Ausgabe 2018-12 nun: „Alle Geländer mit einer horizontalen Nutzlast bis qk = 0,5 kN/m nach DIN EN 1991-1-1/NA:2010-12, Tabelle 6.12 DE“.

Fazit: Beanstandung des Bauherrn nicht gerechtfertigt

Der Sachverständige für das Metallbauerhandwerk kommt in seiner Stellungnahme also zu dem Schluss, dass die geltenden bauaufsichtlichen Anforderungen in vollem Umfang berücksichtigt wurden und die vorgebrachten Beanstandungen fachlich nicht begründet sind. Entscheidend bei der Einschätzung ist, dass nun laut aktualisierter DIN EN 1993-1-1/NA die EXC1 nicht mehr für Geländer in Wohngebäuden bis zu einer Konstruktionshöhe von zwölf Metern ausreichend ist, sondern für alle Geländer mit einer horizontalen Nutzlast bis qk = 0,5 kN/m. Das heißt, das gilt für Geländer im privaten Bereich also Wohngebäuden und Bürogebäuden sowie Arztpraxen ohne schweres Gerät (Kategorie T1 nach DIN EN 1991-1-1/NA:2010-12 Tabelle 6.1 DE).

Karsten Zimmer, Bundesverband Metall

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Fundstelle: Informieren Sie sich

Fundstelle der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) in der jeweils aktuellen Fassung ist die Internetseite des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) unter www.dibt.de in der Rubrik „Technische Baubestimmungen“.

Letzte Aktualisierung: 02.01.2020