Drehmaschinen: „Unser Alleinstellungsmerkmal ist die Fertigungstiefe“

Drehmaschinen: Willi Seiger ist Vorsitzender des Fachverbandes Metall Nordrhein-Westfalen. Seine Firma aus Lippstadt stellt zyklengesteuerte Drehmaschinen her. Wie sich der Betrieb in dieser Nische präsentiert, hat uns der Verbands- und Firmenchef im Gespräch erläutert.

Interview Seiger 2.2019
„Wir müssen uns weiter spezialisieren“, Firmenchef Willi Seiger im Gespräch mit M&T-Redakteur Jörg Dombrowski. Fotos: Stefan Bausewein

Sie leiten einen Handwerksbetrieb, der Drehmaschinen entwickelt und fertigt? Welches sind Ihre „Spezialitäten“?
Wir zählen uns als Firma Seiger in der Nische der zyklengesteuerten Drehmaschinen zu den Premium-Herstellern in Deutschland. Unser Alleinstellungsmerkmal in dieser Nische ist die Fertigungstiefe der Maschinen in Lippstadt. Das wird in dieser Form kein zweites Mal in Deutschland angeboten. Der Kunde erhält seine Drehmaschine direkt aus unserer Drehmaschinenmanufaktur „Made in Germany“.

Wie ist Ihre momentane konjunkturelle Situation?
Aktuell leiden wir an der Exportschwäche nach Russland, was für uns einer der wichtigsten Märkte ist. Die politische Lage können wir nicht beeinflussen und müssen uns deshalb den Gegebenheiten beugen. Die sprunghafte Nachfrage im Inland kann diese Lücke leider nicht schließen. Wir sind ausgelastet, haben aber noch ungenutztes Potenzial.

Wie versuchen Sie sich im Markt zu positionieren und diesen Herausforderungen zu begegnen?
Wir bieten kundenspezifische Lösungen aus eigener Herstellung zu einem erschwinglichen Preis. Wir haben es uns zur Pflicht gemacht, für unsere anspruchsvollen Kunden maßgeschneiderte Lösungen zur Steigerung ihrer Produktivität zu entwickeln.

Wie gelingt es Ihnen geeigneten Berufsnachwuchs zu finden und zu binden?
Dabei hilft uns die Mitgliedschaft in Innung und Verband sehr. Sie entwickeln geeignete Werbemittel und kreieren Aktionen, die wir gut zur Nachwuchsgewinnung einsetzen können. Dazu gehören für uns auch die regelmäßige Teilnahme an Berufsmessen und die Kooperation mit Schulen vor Ort.

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„Wir müssen es als Innung und Verband schaffen, junge Menschen für unsere Sache zu begeistern.“

Wie machen Sie Ihren Betrieb zukunftsfest?
Wichtige Maßnahmen sind für uns dabei das rechtzeitige Einarbeiten des Nachfolgers und eine gute Balance zwischen erfahrenen und jungen Mitarbeitern im Unternehmen. Wir binden verstärkt junge Menschen in Projekte ein und geben ihnen damit eine Chance Erfahrungen zu sammeln und selbstständig und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen. Aktuell ist das zum Beispiel bei uns das Projekt der „Erstellung der neuen Internetseite“.

Wo sehen Sie im Moment wichtige Trends im feinwerktechnischen Bereich, die man auf jeden Fall weiter verfolgen muss?
Die Digitalisierung ist bei den Feinwerkmechanikern nicht die große Neuheit, wobei das Internet der Dinge auch noch weiter Einzug halten wird. Die Wirtschaft 4.0 ist sicher auch dort das Zukunftsthema.
Wir müssen uns weiter spezialisieren. Insbesondere die Herstellung kleiner Stückzahlen mit hohen Genauigkeiten wird uns weiter begleiten und fordern. Die Massenfertigung einfacher Produkte, die heute noch in vielen Unternehmen betrieben wird, ist auf Dauer bei unseren hohen Lohnkosten nicht mehr wirtschaftlich umzusetzen.

Welche Rolle spielt für Ihren Betrieb die Zertifizierung und Qualitätssicherung?
Die Qualitätssicherung ist ein wichtiges Thema für unsere Betriebe. Das bedeutet für mich aber keinen zwingenden Zusammenhang mit einer Zertifizierung. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren sehr stark abgeschwächt. Auch die großen Betriebe haben zwischenzeitlich erkannt, dass damit noch lange nicht alle Probleme gelöst werden. Der bürokratische Aufwand, insbesondere bei der Ergänzung mit Umweltschutz, Arbeitsschutz, Energie-Management etc., ist für unsere Betriebe oft kaum zumutbar. Ich würde mir politisch ein deutlich besseres Augenmaß wünschen.

Sie sind kürzlich zum Vorsitzenden des Fachverbandes Metall Nordrhein-Westfalen gewählt worden. Warum haben Sie sich für dieses wichtige Ehrenamt zur Verfügung gestellt?
Ich habe diese Aufgabe gerne angenommen. Und verbinde das mit der Hoffnung in meiner Amtszeit für unsere Gewerke Positives erreichen zu können. Die Chancen dafür stehen sehr gut, weil wir in Nordrhein-Westfalen eine hervorragend geführte Geschäftsstelle haben. Auch hat mich die sehr gute, leistungsorientierte Zusammenarbeit in den letzten 18 Jahren im Vorstand in meiner Entscheidung bekräftigt.
Mein Sohn Frederic Seiger unterstützt mich dabei, indem er mir die notwendigen innerbetrieblichen Freiräume verschafft. Sonst würde es mit dem Ehrenamt nicht funktionieren.

Was bringt Ihnen dieses Amt ganz persönlich?
Mir bedeutet das Amt sehr viel, weil ich dadurch mit gleichgesinnten Kollegen zusammentreffe, mit denen ich mich gerne austausche und gute Gespräche – auch über Probleme und Sorgen – führen kann. Das ist für einen Betriebsinhaber nicht immer einfach, weil wir oft miss­verstanden oder vorverurteilt und in Schubladen gesteckt werden. Dieses Problem existiert im Verband nicht.

Vor welchen dringlichen Aufgaben stehen das Metallhandwerk und der Fachverband in der nächsten Zeit?
Wir müssen es als Innung und Verband schaffen, junge Menschen für unsere Sache zu begeistern. Erste Schritte dazu sind gemacht. Ein Beispiel dafür ist die Schaffung einer Marke für den Verband und das Metallhandwerk. Dabei sind aber noch einige Schritte zu gehen.
Wir stehen vor sinkende Mitgliederzahlen und müssen uns auch auf der Verbandsebene dieser Tatsche stellen. Ich freue mich deshalb, dass wir auf der Mitgliederversammlung des Bundesverbandes Metall im Herbst 2018 dazu einige notwendige Reformen beschlossen haben. Auch das ist wieder ein Beweis für mich, dass ich mich in guter konstruktiv und fortschrittlich denkender Gesellschaft befinde.

Sie sind Jurymitglied für den Feinwerkmechanikpreis. Welche Entwicklung hat der Wettbewerb in den letzten Jahren genommen?
Der Feinwerkmechanikpreis und auch der dazugehörige Kongress sollten noch deutlich besser besucht werden. So spannend und informativ sind die Themen und das Rahmenprogramm. Im Jahr 2018 hat es einen erfreulichen Zuwachs gegeben, der aber nach meinem Empfinden noch größer ausfallen sollte.

Was zeichnet den diesjährigen Gewinner, die Firma Eigenbrodt aus Königsmoor mit dem „Automatischen Niederschlagssammler“, aus?
Der Feinwerkmechanikpreis zeigt, dass Innovation und Spezialisierung Zukunftsthemen für uns sind. Der diesjährige Preisträger belegt eindrucksvoll, dass auch in kleinen und mittleren Handwerksbetrieben komplexe Systeme entwickelt, hergestellt und montiert werden können, die dann flächendeckend zum Einsatz kommen. Weiter so ...

KURZPORTRÄT
Firma Willi Seiger
1984: Gründung der Firma Willi Seiger in Lippstadt
1992: Übernahme der Produktreihe der Firma SEE und Weiterentwicklung der Maschinen
1992: Einführung neuentwickelter zyklengesteurter Drehmaschinen
1997: Erweiterung der Produktionsfläche durch Neubau
2009: Erweiterung durch Neubau auf gesamt 4.000 Quadratmeter Produktionsfläche.

Heute werden mit 65 Mitarbeitern jährlich etwa fünfzig Maschinen in unterschiedlichen Baugrößen hergestellt. Das Produktprogramm umfasst zwölf Modelle in unterschiedlichen Spitzenweiten. Es werden Vier-Bahnen-Maschinen bis zwanzig Meter Spitzenweite und Plandrehmaschinen bis 2,2 Meter Drehdurchmesser neben den Universal-Zyklendrehmaschinen produziert. Geführt wird das Familienunternehmen von Maschinenbaumeister Willi Seiger (Jahrgang 1963) und Wirtschaft-Ingenieur-Maschinenbau Frederic Seiger (Jahgang 1985).

Letzte Aktualisierung: 04.02.2019