Visuell auffällig

(August 2020) An den Blechbekleidungen von Hauseingangstüren stellte der Sachverständige optische Unregelmäßigkeiten fest. Lesen Sie, wie diese zu bewerten waren und wie sie hätten vermieden werden können.

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An zwei der sieben Hauseingangstüren stellte der Sachverständige solche auffälligen Einbeulungen fest.
Foto: Kammenhuber

Bei einem Streitfall sollte der Sachverständige die Blechoberflächen von Hauseingangstürelementen visuell beurteilen, da sie einige Unebenheiten aufwiesen. Die Mängel sollten bewertet werden und die Kosten für die Minderung beziehungsweise die Schadensbeseitigung berechnet werden.

Die Türen waren als einflügelige Elemente mit Seitenteilen in den Elementmaßen 1.765 Millimeter mal 2.345 Millimeter als thermisch getrennte Stahlrahmenkonstruktionen mit flächig aufgesetzten Blechen ausgeführt. In den Seitenteilen waren die Briefkastenanlagen integriert. Die Türflügel waren mit senkrechten Glasfeldern ausgestattet, deren Rahmen ebenfalls mit den Blechverkleidungen überdeckt waren.

Die Bleche waren verdeckt an den Stahlprofilrahmen punktuell verschweißt. Die Ausnehmungen für die Glasfelder und die Briefkästen waren ausgelasert. Die Blech- und Profiloberflächen waren grau pulverbeschichtet und einbrennlackiert. Insgesamt waren sieben Hauseingangstürelemente zu bewerten.

Vermeiden Sie Unebenheiten


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Die Bleche hatten eine spiegelnde Fläche mit leichter Orangenhaut. Der hohe Glanzgrad ist für Einbrennlackierungen durchaus üblich.
Foto: Kammenhuber

Die äußeren Blechverkleidungen der Türelemente wiesen in den Randbereichen örtliche Flächenunebenheiten in unterschiedlicher Intensität auf. Bei zwei Elementen waren die Unebenheiten visuell unauffällig, bei drei Elementen gering auffällig und bei zwei Elementen auffällig.

Der hohe Glanzgrad der Oberflächenlackierung ist zwar bei einer Einbrennlackierung üblich, hat aber in diesem Fasll einen großen Einfluss auf die Auffälligkeit der Unebenheiten.

Die festgestellten Unebenheiten in den Blechen waren fertigungsbedingt. Durch die Wärmeentwicklung bei den rückseitigen Punktschweißungen der Bleche an den Profilen warfen sich die Bleche geringfügig, so dass sich konkave Beulen in der matt spiegelnden Oberfläche abzeichneten. Die visuellen Auffälligkeiten wurden also durch das Zusammenwirken von fertigungsbedingten Ursachen und einer Oberfläche mit relativ hohem – jedoch für Einbrennlackierungen üblichen – Glanzgrad verursacht.

Diese Auffälligkeiten hätten vermieden werden können durch:

  • Dickere Bleche, um die wärmedingten Verwerfungen zu verringern. Das hätte sich jedoch aufgrund der erheblichen Gewichtserhöhung der Flügel negativ auf deren Gebrauchstauglichkeit ausgewirkt.
  • Geringerer Glanzgrad der Lackierung, um die Schattenwirkung zu verringern.
  • Spachtelung der Oberflächen, um die – wenn auch nur geringfügigen, konkaven Wölbungen der Bleche auszugleichen.

Die Auffälligkeiten ließen sich nach Fertigstellung der Beschichtung nicht mehr ausbessern, da eine Überarbeitung der Einbrennlackierung ohne visuelle Einschränkungen hinsichtlich Oberflächenstruktur, Glanzgrad und Belastbarkeit der Lackierung nicht möglich war. Es wäre nur ein kompletter Austausch der Bekleidungen mit Neulackierung möglich gewesen.

Besondere technische Vertragsbedingungen hinsichtlich der Flächenebenheit der Blechoberflächen lagen nicht vor. Somit war der Maßstab der üblichen Beschaffenheit unter Beachtung der „objektiv berechtigten Käufererwartung“ als Prüfkriterium für die visuelle Bewertung der Türoberflächen anzusetzen.

Bewerten Sie detailliert


Als Grundlage für die Prüfung zur Bewertung der Hinnehmbarkeit der visuellen Mängel kann das Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik Kapitel 1.19.5.2.1.2 herangezogen werden. Dort wird bezüglich der Prüfbedingungen folgendes festgelegt: „Danach ist bei der Prüfung auf Merkmale die visuelle Draufsicht auf die Sichtfläche maßgebend. Die Prüfung wird in der Regel bei Außenflächen im Abstand von fünf Metern, bei Innenflächen im Abstand von drei Metern vorgenommen. Außenflächen sind bei diffusem Tageslicht unter einem Betrachtungswinkel senkrecht zur Oberfläche (Abweichung zur Senkrechten maximal plus/minus dreißig Grad) zu prüfen.

Die Beurteilung ist nach fachgerechter Beseitigung von Gebrauchsspuren (Verwitterungserscheinungen, Schmutzablagerungen und reinigungsbedingten Erscheinungen) vorzunehmen.“
Bei den Hauseingangstüren lagen Flächen mit hohem Anforderungsniveau vor. Damit war die visuelle Auffälligkeit unter den oben dargestellten Prüfbedingungen für jedes einzelne Türelement zu prüfen und zu bewerten. Bei zwei Türen waren die Oberflächenunebenheiten auffällig und entsprachen nicht der üblichen Erwartung.

Wenden Sie die Zielbaummethode an


Die visuelle Beeinträchtigung der mangelhaften Flächen an den beiden Türen war bezogen auf den Bauteilwert zu schätzen, um einen Minderwert oder die Aufforderung zur Mängelbeseitigung nachweisen zu können. Diese visuellen Beeinträchtigungen ließen sich im Sinne eines theoretischen Minderwertes über einen Minderungsnachweis entsprechend Paragraf 638 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), Absatz 3 bewerten: „Bei der Minderung ist die Vergütung in dem Maße herabzusetzen, in welchem zur Zeit des Vertragsabschlusses der Wert in mangelfreiem Zustand zu dem wirklichen Wert gestanden haben würde. Die Minderung ist, soweit erforderlich, durch Schätzung zu ermitteln.“

Der Nachweis einer derartigen Schätzung wird gewöhnlich, nach der anerkannten Zielbaummethode durchgeführt. Im ersten Schritt wird eine Unterteilung in die Grobziele vorgenommen. Dabei wird zunächst vorausgesetzt, dass eine Tür eine technische Funktion erfüllen muss; der zugeordnete „Gebrauchswert“ (Witterungs- und Einbruchschutz) ist zu bewerten. Daneben wird als zweite Funktion der optische Anspruch des Bauteils beurteilt. Für die Türen im Schadensfall waren der visuelle Anteil und der technische Anspruch dementsprechend mit je fünfzig Prozent zu bewerten.

Im zweiten Schritt wird überprüft, welche der Einzelfaktoren von der mangelhaften Leistung beeinflusst werden und somit Einfluss auf die Minderung haben. Der Ausgangswert des ermittelten Neuwertes wird mit der Summe der beeinflussenden Faktoren multipliziert und es ergibt sich die theoretisch mindestens anzusetzende Wertminderung.
Daraus ergab sich für die sichtbaren Unebenheiten mit auffälligen Beulen in den Türflächen:

  • Anteil optisches Erscheinungsbild/technische Funktionen: fünfzig zu fünfzig,
  • Grad der optischen Beeinträchtigung unter dem Blickwinkel üblicher Nutzung: zwanzig Prozent (sachverständig geschätzt)
  • Berechnung mindeste Minderung: 50/100 × 20/100 = 10/100
  • als mindeste Wertminderung ergab sich ein Anteil von zehn Prozent des Neuwertes.
Der Preis je Tür war mit etwa 10.000 Euro anzusetzen, so dass die Minderung je Tür 1.000 Euro betrug. Wenn der errechnete Minderungswert bis zu fünf Prozent des Neuwertes ausmacht, ist üblicherweise von einem Bagatellschaden auszugehen, der finanziell nicht zu bewerten ist. Es lag damit keine Bagatelle vor. Eine Mängelbeseitigung oder eine Minderung war also zu fordern.

Fazit: Rechnen Sie mit einem Minderungsbetrag


Eine Mängelbeseitigung (Neuherstellung der Türflügel unter Verwendung der Verglasung und der Beschläge) hätte einen geschätzten Aufwand von 3.000 bis 3.500 Euro je Tür bedeutet. Diese Kosten (etwa das drei- bis 3,5-fache der Minderung) wären bezogen auf den Minderungsbetrag nicht verhältnismäßig. Deshalb wurde durch den Sachverständigen eine Minderung von 1.000 Euro je Tür mit den visuell nicht hinnehmbaren Flächenunebenheiten, also insgesamt 2.000 Euro, vorgeschlagen.
Schadensjahr: 2014

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Autor:Dipl.-Ing. Architekt Frank Kammenhuber ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger und Mitinhaber der Sachverständigenpartnerschaft Giering-Hillhagen-Kammenhuber in Hamburg.

Schadensfälle: Eine Reihe von weiteren Schadensfällen zum Thema optische Mängel ist in den Bänden 1 bis 4 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de.

Fachregelwerk: Wichtige Informationen zum Thema finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik im Kapitel 1.19 Hinzunehmende Unregelmäßigkeiten.

Weitere Informationen zu den Büchern und zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Leserservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder von Mo-Fr von 7:30 bis 17 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.


Letzte Aktualisierung: 07.09.2020