Wie breit ist breit genug?

(Juli 2020) In einem Streitfall zwischen einem Metallbauer und einem Architekten konnten sich die beiden nicht über die Messregeln der Breite von Türen in Rettungs­wegen einigen. Wir informieren über die regelgerechten Definitionen.

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Beschläge in Fluchtwegen müssen bei der lichten Breite berücksichtigt werden.
Foto: BKS

Bei Türen ist zum Beispiel die Rede von Öffnungsbreite, Durchgangsbreite, lichter Durchgang, lichtes Zargenmaß, lichtes Zargeninnenmaß, lichtes Durchgangsmaß, wobei die jeweilige Bedeutung beziehungsweise die Unterschiede unklar bleiben. Um das im Vorfeld zu klären, wurde ein Sachverständiger für das Metallbauerhandwerk damit beauftragt, die bauaufsichtlichen und normativen Anforderungen und die darin verwendeten Begriffe zu beschreiben beziehungsweise herzuleiten.

Lesen Sie die Musterbauordnung (MBO)
Die Musterbauordnung (MBO) in der Fassung von 2002, zuletzt geändert im Jahr 2016, behandelt im fünften Abschnitt „Rettungswege, Öffnungen, Umwehrungen“. Konkrete Angaben zu Maßen oder Definitionen von Begriffen sind dort nicht zu finden.
Einen allgemeinen Hinweis zur Bestimmung von erforderlichen Breiten enthält der Paragraf 34 „Treppen“, wonach die nutzbare Breite der Treppenläufe und Treppenabsätze notwendiger Treppen für den größten zu erwartenden Verkehr ausreichen muss.

Gleiches findet sich im Paragraf 36 „Notwendige Flure, offene Gänge“. Diese müssen so breit sein, dass sie für den größten zu erwartenden Verkehr ausreichen. Konkretere Angaben gibt es nicht. Paragraf 37 „Fenster, Türen, sonstige Öffnungen“ enthält zu den erforderlichen Breiten keine Angaben.

In Paragraf 85a Technische Baubestimmungen der MBO wird schließlich zur Konkretisierung der allgemeinen Anforderungen an bauliche Anlagen auf die Technischen Baubestimmungen verwiesen.

Informieren Sie sich in der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB)
Die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB), Ausgabe 2019/1, listet in Abschnitt A 4 „Sicherheit und Barrierefreiheit bei der Nutzung“ neben den Normen zum barrierefreien Bauen die DIN 18065:2015-03 Gebäudetreppen auf. Darin ist unter anderem definiert (Absatz 4.11) eine „Nutzbare Treppenlaufbreite“. Das ist das lichte Fertigmaß, waagerecht gemessen zwischen begrenzenden Oberflächen, Bauteilen und/oder Handlaufinnenkanten (siehe auch DIN 18065, Bilder A7 und A8). Bei Gebäuden im Allgemeinen für eine „Baurechtlich notwendige Treppe“ beträgt die nutzbare Treppenlaufbreite mindestens hundert Zentimeter.

Zu Fluchttüren und deren Breiten enthält die MVV TB keine konkreten Regelungen.

Beachten Sie die Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO)
Anders die Musterverordnung über den Bau und Betrieb von Versammlungsstätten in der Fassung von Juni 2005 (zuletzt geändert Juli 2014). Diese enthält in Paragraf sieben „Bemessung der Rettungswege“ eine Zuordnung von Breiten zu Personenzahlen: „(4) Die Breite der Rettungswege ist nach der größtmöglichen Personenzahl zu bemessen. Dabei muss die lichte Breite eines jeden Teils von Rettungswegen für die darauf angewiesenen Personen mindestens betragen bei

  1. Versammlungsstätten im Freien sowie Sportstadien 1,20 m je 600 Personen,
  2. anderen Versammlungsstätten 1,20 m je 200 Personen;

Zwischenwerte sind zulässig. Die lichte Mindestbreite eines jeden Teils von Rettungswegen muss 1,20 m betragen. Bei Rettungswegen von Versammlungsräumen mit nicht mehr als 200 Besucherplätzen und bei Rettungswegen im Bühnenhaus genügt eine lichte Breite von 0,90 m. Für Rettungswege von Arbeitsgalerien genügt eine Breite von 0,80 m.“

In Paragraf neun zu Türen und Toren:
„(3) Türen in Rettungswegen müssen in Fluchtrichtung aufschlagen und dürfen keine Schwellen haben. Während des Aufenthaltes von Personen in der Versammlungsstätte müssen die Türen der jeweiligen Rettungswege jederzeit von innen leicht und in voller Breite geöffnet werden können.“

In der Muster-Richtlinie über bauaufsichtliche Anforderungen an Schulen (Muster-Schulbau-Richtlinie – MschulbauR, Fassung April 2009) finden sich analoge Regelungen zu der MVStättVO.

Berücksichtigen Sie die ASR A2.3
In den Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR A2.3 Fluchtwege und Notausgänge, Flucht- und Rettungsplan (Ausgabe August 2007, zuletzt geändert 2017) wird bezüglich dem Einrichten und Betreiben von Fluchtwegen und Notausgängen zunächst allgemein auf die beim Errichten von Rettungswegen zu beachtenden Anforderungen des Bauordnungsrechts der Länder verwiesen (siehe 4 „Allgemeines“ (1)).

Abschnitt 5 „Anordnung, Abmessungen“ gibt dann aber konkrete Zahlenwerte für die Mindestbreite der Fluchtwege in Abhängigkeit der höchstmöglichen Anzahl der Personen vor, die entsprechend tabelliert sind:

  • Anzahl der Personen
  • (Einzugsgebiet) Lichte Breite (in m)
  • bis 5 0,875
  • bis 20 1,0
  • bis 200 1,20
  • bis 300 1,80
  • bis 400 2,40

„Tür-, Flur- und Treppenbreiten sind aufeinander abzustimmen.
Die Mindestbreite des Fluchtweges darf durch Einbauten oder Einrichtungen sowie in Richtung des Fluchtweges zu öffnende Türen nicht eingeengt werden. Eine Einschränkung der Mindestbreite der Flure von maximal 0,15 m an Türen kann vernachlässigt werden. Für Einzugsgebiete bis 5 Personen darf die lichte Breite jedoch an keiner Stelle weniger als 0,80 m betragen.“

Nutzen Sie die DIN EN 14351-1 Fenster und Außentüren
Die einschlägige Norm für Fenster und Außentüren ist die DIN EN 14351-1:2016-12 Fenster und Türen; Produktnorm, Leistungseigenschaften; Teil 1: Fenster und Außentüren.

Es handelt sich um eine europäisch harmonisierte Norm, so dass sie anzuwenden ist. In Absatz 4.9 „Höhe und Breite von Türen und Fenstertüren“ wird in Zusammenhang mit der lichten Öffnungshöhe und Öffnungsbreite von Außentüren und Fenstertüren festgelegt, dass diese in Millimeter anzugeben sind.

Der Abschnitt enthält zudem eine Anmerkung, die darauf hinweist, dass die Höhe und Breite durch hervorstehende Beschläge und den Öffnungswinkel verringert werden können.
Bedenken Sie die DIN EN 12519 Fenster und Türen;

Terminologie
Die DIN EN 12519:2019-02 Fenster und Türen; Terminologie legt die allgemeine Terminologie für Fenster und Türen fest.

In Absatz 3.6 erfolgt das für die „lichte Durchgangsbreite innerhalb des Rahmens/der Zarge“. Erläutert wird der Begriff mithilfe von drei Abbildungen, die die lichte Durchgangsbreite wie folgt unterscheiden:
Lichte Öffnungsbreite der Zarge: Diese Abmessung ist unabhängig vom Öffnungswinkel der Tür und entspricht der maximalen Durchgangsbreite der Tür.

Lichte Öffnungsbreite der Tür: Diese Abmessung ist abhängig vom Öffnungswinkel, jedoch unabhängig von jeglichen Baubeschlägen zum Beispiel horizontalen Betätigungsstangen. Eine Anmerkung dazu weist daraufhin, dass bestimmte Baubeschläge die lichte Öffnungsbreite beeinflussen können.
Effektive Durchgangsbreite: Diese Abmessung ist abhängig von den Öffnungswinkeln und den eingebauten Baubeschlägen.

DIN 18055 Kriterien für die Anwendung von Fenstern und Außentüren nach DIN EN 14351-1 enthält bezüglich der Breite von Türen ebenfalls diese Unterscheidung, verwendet aber leider geringfügig andere Begriffe, nämlich lichte Zargenbreite, lichte Nutzbreite und effektive Nutzbreite.

Fazit: Verwenden Sie nutzbare oder lichte Breiten
In den einschlägigen Regelwerken ist in Zusammenhang mit Rettungswegen zumeist von nutzbaren oder lichten Breiten die Rede. Gemeint ist dann das waagerecht gemessene (lichte) Fertigmaß zwischen begrenzenden Oberflächen oder Bauteilen. Das gilt für jeden Teil von Rettungswegen, also für Flure, Treppen und Türen.

Ausnahme bildet insbesondere die europäische Terminologie-Norm zu Fenstern und Türen, die den Begriff der „effektiven Durchgangsbreite“ einführt. Was in einem konkreten Anwendungsfall anzuwenden ist, richtet sich also nach den jeweils für den Auftrag geltenden Normen beziehungsweise Bestimmungen.

Der Vollständigkeit halber noch zwei weitere Quellen:

  • ISO 1804:1972-05 Türen; Terminologie: Durchgangsbreite ist dort das lichte Zargenmaß,
  • DIN 18090:1997-01 Aufzüge; Fahrschacht-Dreh- und -Falttüren für Fahrschächte mit Wänden der Feuerwiderstandsklasse F 90: Lichter Durchgang: ist das lichte Innenmaß, gemessen zwischen dem geöffneten Türflügel (neunzig Grad) und dem senkrechten Zargenprofil.

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Dipl.-Ing. Karsten Zimmer, BVM
Foto: Zimmer

Autor: Dipl.-Ing. Karsten Zimmer ist Bereichsleiter Technik beim Bundesverband Metall in Essen.

Schadensfälle: Eine Reihe von Schadensfällen zur Durchgangsbreite ist in den Bänden 1 bis 4 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de. Weitere Informationen zu den Büchern erhalten Sie beim M&T-Leserservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder von Mo-Fr von 7:30 bis 17 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.

Infoquelle
Nutzen Sie das Fachregelwerk
Im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik ist die nutzbare oder lichte Öffnungsbreite an den einschlägigen Stellen erläutert. Auch sind die Musterbauordnung (MBO), die die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB), die Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO), die ASR A2.3 und die DIN EN 14351-1 Bestandteil des Fachregelwerkes.

Weitere Informationen zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Leserservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder von Mo-Fr von 7:30 bis 17 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.



Letzte Aktualisierung: 05.08.2020