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„Der Metallkongress 2021 Ende Oktober in Würzburg ist ein ganz wichtiges Datum. Wir setzen wir alles daran, diesen Kongress im Herbst stattfinden zu lassen und damit ein zuversichtliches Signal zu senden.“ Foto: BVM

Interviews mit Branchenpartnern

02. March 2021 | Teilen auf:

Berufsorganisation: „Das Feedback aus Landes­verbänden, Innungen und Betrieben ist uns sehr wichtig“

(März 2021) Als derzeit größte Herausforderungen für die Betriebe des Metallhandwerks sieht BVM-Präsident Erwin Kostyra die Überwindung der Corona-Pandemie und den erfolgreichen Umgang mit der digitalen Transformation. Im Interview mit M&T erläutert er, welche Hilfestellungen und Services die Berufsorganisation ihren Mitgliedern bietet.

Herr Kostyra, wie sind die Metallbetriebe bislang durch die Corona Zeit gekommen?
Die baunahen Betriebe des Metallbauerhandwerks sind weitgehend stabil durch das letzte Jahr gekommen. Zum Jahreswechsel zeichnete sich ab, dass die Auftragseingänge leicht rückläufig waren. Insbesondere die nachlassenden Aufträge aus dem Wirtschaftsbau sowie die Zurückhaltung bei den öffentlichen Auftraggebern geben Anlass zur Sorge. Gefragt nach den größten momentanen Herausforderungen bei den Metallbauern sind diese in erster Linie vom Fachkräftemangel betroffen, gefolgt von der Preisfindung bei Kunden und steigenden Kosten von Lieferanten.
Demgegenüber stehen unsere investitionsintensiven Betriebe der Feinwerkmechanik vor enormen Herausforderungen. Durch Exporteintrübung und Strukturveränderungen in der Automobilindustrie waren die feinwerktechnisch ausgerichteten Betriebe schon vor der Coronakrise unter Druck geraten. Bereits 2019 hat ein spürbarer Umsatzeinbruch stattgefunden. Die Lage hat sich Corona bedingt noch weiter verschärft. Unter den gegebenen Umständen der Kurzarbeit zeigt sich bei der Beurteilung der Auftragsbücher, dass sich das Geschäft dramatisch verschlechtert hat. Zudem fallen diese Betriebe vielfach durch das Raster der Corona-Fördereinstrumente, die diese langfristigen Entwicklungen nicht adäquat berücksichtigen. Aufgrund von Basel-III-Regulierungen treffen Hausbanken ihre Kreditentscheidung insbesondere aufgrund der Kapitaldienstfähigkeit der Unternehmen oder fordern Bestätigungen von Wirtschaftsprüfern. Dies ist derzeit bei vielen betroffenen Betrieben gerade aufgrund der Corona-bedingten Finanzsituation kurz und mittelfristig nicht darstellbar. Dies führt wiederum dazu, dass selbst bei ausreichender Stellung von Sicherheiten durch den Unternehmer keine Darlehen zur Verfügung gestellt werden können.
Hinzu kommt, dass generell auch der Zugang zu Förderinstrumenten häufig für den Handwerksbetrieb sehr schwierig und sehr bürokratisch zu beantragen oder mit nicht erfüllbaren Auflagen verbunden ist.

Wie unterstützt der Bundesverband Metall diese Betriebe in dieser schwierigen Lage?
Die Sondersituation unserer zuliefernden Betriebe haben wir mit Unterstützung des ZDH gegenüber der Politik seit dem vergangenen Jahr immer wieder deutlich gemacht. Das scheint Wirkung zu zeigen. Derzeit sind wir im Gespräch mit Ministerien, Finanzdienstleistern und Verbänden und kämpfen mit den Landesverbänden dafür, dass unsere Mitglieder die richtigen, auf sie zugeschnittenen Instrumente zur Stabilisierung an die Hand bekommen. Das reicht von einer durchdachten mittelstandsorientierten Finanzierung bis hin zur gezielten Unterstützung bei technischen Innovationen. So wollen wir nicht nur auf Nothilfen einwirken, sondern bereits jetzt in die Zukunft schauen, in der Transformation und Digitalisierung finanziert werden müssen.

Welche Projekte für die Mitgliedsbetriebe stehen im Bundesverband Metall derzeit auf der Agenda?
Während der Pandemie ist es uns von Beginn an wichtig gewesen, die aktuellen und für die Mitglieder relevanten Fragestellungen zu sammeln, zu bündeln und sowohl verständlich als auch praktikabel zur Verfügung zu stellen. Dazu haben wir ein Online-Corona-FAQ mit den häufigsten Fragen und Antworten aufgebaut. Dieser Service wurde sehr gut angenommen und wir konnten unsere Landesverbände, Innungen und Betriebe wirkungsvoll unterstützen. Da bleiben wir am Ball.
In den Fachabteilungen des BVM hat sich einiges getan. Die wichtigsten Beispiele für unser Programm 2021 möchte ich kurz erwähnen. Die Fachgruppenarbeit wurde auf der Bundesebene personell verstärkt, zwei neue Kollegen im BVM-Team unterstützen seit Ende vergangenen Jahres die Abteilung Technik. Insbesondere die Bundesfachgruppe Feinwerkmechanik hat damit eine professionelle Betreuung bekommen, um aktuelle Fachthemen nach vorn zu bringen.

"Während der Pandemie haben wir ein Online-Corona-FAQ mit den häufigsten Fragen und Antworten aufgebaut. Dieser Service wurde sehr gut angenommen und wir konnten unsere Landesverbände, Innungen und Betriebe wirkungsvoll unterstützen."

Erwin Kostyra, BVM-Präsident

Gibt es auch neue Informationsangebote mit technischen Inhalten?
Für die betriebliche Praxis bringen wir in diesem Jahr zwei neue Richtlinien heraus, die mit Technik-Experten des Bundesverbandes sowie Profis aus der Branche erarbeitet wurden. Dabei handelt es sich zum einen um die neue Richtlinie für Feuerschutzabschlüsse. In der Richtlinie werden Informationen zu Herstellung, Auswahl, Bestellung, Lieferung, Wartung und Montage sowie deren bestimmungsgemäße Nutzung bereitgestellt. Zum anderen ist die Technische Richtlinie Glas im Metallbauerhandwerk als Hilfestellung für Betriebe erarbeitet worden. Ziel ist, die Betriebe in diesem Markt dabei zu unterstützen, die relevanten Normen richtig anzuwenden sowie mit dem Werkstoff Glas Norm- und Verordnungsgerecht umzugehen.
Im Bereich der Berufsbildung freuen wir uns, dass die im vergangenen Jahr gestartete Berichtsheft-App-Metall so gute Resonanz bei unseren Mitgliedsbetrieben erfährt. Im Bundesverband haben wir die richtige Weichenstellung hin zu einem zeitgemäßen digitalen Werkzeug unternommen. Auszubildende können jetzt den Ausbildungsnachweis per App auf dem Smartphone führen. Ausbilder loggen sich am Laptop oder PC in die Desktop-Version ein und können jederzeit überprüfen, ob die Berichte eingereicht wurden und zeichnen diese auch digital ab.
Freuen dürfen wir uns auch über die DigiWorldMetall. Dabei ist unter Federführung des Bundesverbands Metall in vier Modellregionen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landesverbänden des Metallhandwerks ein digital gestütztes Bildungsnetzwerk aufgebaut worden. Dieses geht demnächst in die Pilotphase – als digitale Learning-World des Metallhandwerks (DigiWorldMetall). Entstanden ist eine gemeinsame digitale Lernplattform, ein zentrales System des Wissensmanagements, in dem Information, Austausch, Beratung und Lernen miteinander verzahnt werden.

Was tut sich bei der Ausbildung?
Auch die digitale Berufsorientierung für die Metallberufe hat Fahrt aufgenommen. Derzeit werden Instrumentarien entwickelt, die die digitalen Messen genauso unterstützen wie die Nachfrage nach digitalen Unterrichtsmaterialien für die berufliche Orientierung in den allgemeinbildenden Schulen.
Unterstützt werden diese Initiativen über eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit. Dazu gehört sicherlich die im vergangenen Jahr gestartete Azubi-Recruiting Kampagne „Let’s Play Metal“. Unsere Mitgliedsbetriebe haben einen hohen Fachkräftebedarf. Mit dem Azubi-Recruiting können wir sicherlich nicht den Fachkräftemangel von heute beheben, wir können als Verband allerdings dabei mithelfen, den Bedarf an Fachkräften von morgen zu decken. Das ist das Ziel der neuen Kampagne. Ein attraktiver neuer Film, der sehr temporeich und frisch daherkommt, unterstützt dabei und holt die Jugendlichen da ab wo Sie sind, in den sozialen Medien. Wir wollen damit das Interesse für unsere Berufe wecken, Lust auf Metall machen und so unsere Betriebe bei ihren vielfältigen Aktivitäten in den Regionen sinnvoll medial unterstützen. Daher haben wir bewusst den Weg über die Sozialen Medien gewählt. Die Aktion kam sehr gut an und wird daher auch 2021 fortgesetzt. In dem Zuge möchte ich erwähnen, dass wir in diesem Jahr zusätzlich intensiv daran arbeiten, das Bild des Metallhandwerks als Marke in der Öffentlichkeit weiter zu schärfen und im Rahmen von Kampagnen sichtbar werden zu lassen. Das hilft auch der Nachwuchswerbung.
Unser gesamtes Angebot wird zunehmend von der Digitalisierung geprägt. Wir denken jedes neue Produkt immer auch digital, daher ist die Zuwendung zu App-Lösungen, Online-Seminaren und weiteren digitalen Services zwangsläufig. Letztlich spiegeln wir damit die Anforderungen wider, die die Mitglieder an uns stellen.
Bei diesen Entwicklungen und Projekten benötigen wird die Unterstützung unserer Landesverbände und dann von Betrieben. Denkbar ist etwa die Unterstützung einer Testphase bei Ausbildungsprojekten, um dann mit klassischen Mittel wie dem Praktikum für interessierte Schulabgänger zu Ausbildungsverträgen in den Betrieben zu kommen.

Wie reagieren die Mitglieder auf diese Neuerungen in Ihrem Leistungsangebot?
Die Landesverbände wirken bei den Entwicklungen mit und die Rückmeldungen sind überaus positiv. Das sehen wir an den Abrufen. Zugleich erhalten wir viele kon­struktive Rückmeldungen mit hilfreichen Hinweisen. Diese helfen uns, unsere Services zu optimieren und passgenau weiterzuentwickeln. Dabei kommt uns sicherlich entgegen, dass unsere Leistungen immer dicht an der betrieblichen Praxis orientiert sind.
Das Feedback aus Landesverbänden, Innungen und Betrieben ist für uns sehr wichtig. Um das im Verband noch zu intensivieren, entwickeln wir derzeit mit den Landesverbänden eine Online-Plattformlösung, die unsere Zusammenarbeit als Verband digitaler und effektiver werden lässt. Unser Wunsch ist, dass wir damit auch die Attraktivität der verbandlichen Mitarbeit und die Beteiligung auf allen Ebenen erhöhen. Ich bin sehr gespannt auf diese Entwicklung und würde mich über ein aktives Mittun bis hin zu den Betrieben sehr freuen.

Herr Kostyra, offensichtlich räumen Sie dem Thema Digitalisierung hohe Priorität ein. Was bedeutet das für das
verbandliche Netzwerken und Miteinander?
Einerseits eröffnen die digitalen Möglichkeiten uns als Dienstleister auf allen verbandlichen Ebenen viele attraktive Möglichkeiten, unsere Services zu verbessern. Sie führen zu möglichen kurzfristigen Entscheidungen, ersetzen das persönliche Miteinander aber nur begrenzt. Uns ist im Zuge der Pandemie schmerzlich bewusst geworden, wie wichtig das persönliche „sich Sehen und Verstehen“ für die verbandliche Zusammenarbeit ist. Daher versuchen wir alles, um uns möglichst bald wieder auch persönlich zu treffen. Zum Beispiel der Metallkongress 2021 am 29. und 30. Oktober in Würzburg ist dabei ein ganz wichtiges Datum. Dieser Branchentreff lebt vom persönlichen Kontakt und ist fast so etwas wie ein Familientreffen geworden. Daher setzen wir derzeit alles daran, diesen Kongress im Herbst stattfinden zu lassen und damit ein zuversichtliches Signal zu senden.

zuletzt editiert am 04.05.2021