Bundestagswahl 2025: Die Wahl ist zwar entschieden, die großen Herausforderungen sind jedoch geblieben. Im Interview mit M&T-Metallhandwerk erläutert Willi Seiger als Präsident des Bundesverbandes Metall (BVM), was die Berufsorganisation in Sachen Arbeitskosten, Mittelstandsfinanzierung, Energiekosten und Bildungspolitik dringend und zügig von einer neuen Regierung erwartet.

Sie weisen schon länger darauf hin, dass die Arbeitskosten in Deutschland zu hoch sind und somit die Existenz von Betrieben gefährden. Was kann die Bundespolitik hier für das Handwerk tun?
Unsere Unternehmen zahlen gerne mehr Geld für mehr Leistung. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Doch was ist mit den Überstunden? Sie sind teuer, und das Modell des „Abfeierns“ funktioniert im praktischen Betrieb oftmals nicht. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten ist es daher für Beschäftigte attraktiv, zusätzliches steuerfreies Geld aus einer geringfügigen Beschäftigung zu verdienen. Das ist aber derzeit nur außerhalb des Hauptarbeitsverhältnisses erlaubt. Aus Betriebssicht ein völliger Widerspruch.
Wir halten diesen Trend für völlig falsch, aus Sicht des Arbeitgebers wie der Beschäftigten. Denn wir geben nur ungern unsere gut ausgebildeten Fachkräfte her und behalten unser Know-how lieber im Betrieb.
Wir fordern mehr Netto vom Brutto und endlich ein Modell, mit dem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über die 40-Stunden-Grenze hinaus bis zu 556 Euro mehr bei ihrem Hauptarbeitgeber verdienen können – frei von Steuer- und Sozialversicherungsabgaben. Davon profitieren Beschäftigte, Betriebe und Kunden. Es hilft der gesamten Wirtschaft und schafft Wohlstand für alle.
Was ist mit den stark gestiegenen Sozialversicherungsbeiträgen?
Da gilt das Gleiche. Die Lohnzusatzkosten gehen weiter durch die Decke: Die Beiträge für Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung laufen bedrohlich in Richtung der 50-Prozent-Marke. Auch da bleibt bei den Beschäftigten immer weniger Netto vom Brutto. Und was vielen vielleicht gar nicht bewusst ist: Für die Arbeitgeber kommen im lohnintensiven Metallhandwerk neben der Hälfte der genannten Sozialbeiträge zusätzlich als Belastung noch die Beiträge zur Berufsgenossenschaft, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und oftmals das 13. Monatsgehalt hinzu.
Irgendwann lohnt sich der Betrieb nicht mehr, und Geschäftsmodelle geraten in Schieflage. Daran hängen tausende Existenzen. Die Politik ist gefordert, die Finanzierung der Sozialsysteme neu aufzustellen. Eine vorrangig an die Löhne gekoppelte Beitragsfinanzierung wird jedenfalls für die Zukunft nicht der Weg sein. Außerdem müssen versicherungsfremde Leistungen nicht durch Sozialversicherungsbeiträge, sondern aus allgemeinen Haushaltsmitteln (Steuern) finanziert werden.
Warum ist es wichtig, die Mittelstandsfinanzierung zu stärken?
Das Metallhandwerk wird vorwiegend von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) im Bereich des produzierenden Handwerks geprägt, welche spezifische Anforderungen an mittelstandsgerechte Finanzierungsmöglichkeiten stellen.
Betriebe stehen mit Blick auf die Transformation unter hohem Investitions- und Prozessoptimierungsdruck. Investitionen in Maschinen- und Anlagentechnik, aber auch in Hard- und Software zur Bewältigung der Digitalisierungsanforderungen sind sehr kostenintensiv. Im Falle von Kreditanfragen und Förderanträgen sehen sich Betriebe vielfach mit Kreditentscheidungen konfrontiert, welche die Besonderheiten des produzierenden und zuliefernden Metallhandwerks nicht berücksichtigen.
Wir fordern niederschwellige Kreditoptionen sowie eine individuelle Einzelfallprüfung bei Kreditanträgen von Handwerksunternehmen. Diese Herangehensweise ermöglicht eine passgenaue Berücksichtigung der jeweiligen Unternehmenssituation und schafft Entwicklungsperspektive für Wachstum und Beschäftigung.
Um die Bürokratiebelastung und Einschränkungen bei der Mittelstandsfinanzierung zu reduzieren, müssen KMU bei nachhaltigen Finanzierungsmodellen durch einen Dreiklang aus Freistellungsklauseln, einer Opt-in-Regelung und einem vereinfachten Nachweisverfahren entlastet werden.
Welche Rolle spielen dabei die Bürgschaftsbanken?
Das Metallhandwerk benötigt starke Bürgschaftsbanken, um Re- und Neuinvestitionen zu fördern und eine nachhaltige Gestaltung von Unternehmensübergaben und Nachfolgeregelungen zu gewährleisten. Die Hausbanken unserer Metallbetriebe spielen eine bedeutende Rolle bei der Vermittlung und sind daher unbedingt einzubeziehen und zu unterstützen.
Die Förderprodukte von Förderbanken und Bürgschaftsbanken müssen übersichtlich gestaltet, einfach zugänglich und zügig abrufbar sein. Aufgrund der breiten Streuung und der vergleichsweise geringen Fördersummen bieten diese Produkte in ihrer Gesamtheit eine hohe Ausfallsicherheit für die Kreditwirtschaft und sollten daher verstärkt gefördert werden.
Viele Wirtschaftsverbände verlangen nach wettbewerbsfähigen Energiekosten. Was genau braucht das Metallhandwerk?
Das produzierende Metallhandwerk in Deutschland ist auf konkurrenzfähige Strom- und Energiepreise angewiesen. Erste Maßnahmen, wie die Absenkung von Steuern und Abgaben auf Strom, wurden bereits ergriffen und gehen in die richtige Richtung. Doch dies reicht bei Weitem nicht aus. Auch andere Energieträger müssen von übermäßigen Kosten und dauerhaft entlastet werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die Politik muss langfristig und verlässlich dafür sorgen, dass die Beschaffungskosten für Energie niedrig bleiben, ohne dabei die Versorgungssicherheit zu gefährden. Angesichts der bestehenden und zukünftig steigenden Belastungen durch CO₂-Zertifikate ist es entscheidend, den technologieoffenen Ausbau sowie die Nutzung von CO₂-neutralen Energiequellen voranzutreiben.
Das produzierende Metallhandwerk ist, ebenso wie die Industrie, auf günstige Energie angewiesen, um im europäischen und globalen Wettbewerb bestehen zu können. Dies ist ein wirtschaftspolitisches Dauerthema, das nachhaltige und zukunftsorientierte Lösungen erfordert.
Blicken wir auf Ausbildung und Fachkräftesicherung im Metallhandwerk. Welche deutlich spürbaren Anstrengungen zur Erhöhung der Bildungsqualität in Allgemeinbildenden Schulen fordern Sie?
Zu oft machen wir die Erfahrung, dass die Bildungsqualität der Bewerberinnen und Bewerber nachgelassen hat, insbesondere in den für unsere Betriebe so wichtigen MINT-Fächern. Anhand der seit Jahren unveränderten Einstellungstests in meinem Unternehmen erlebe ich diese Entwicklung hautnah. Der Handlungsbedarf ist akut.
Aktuelle Studien zeigen: Eine Berufsausbildung trägt entscheidend zur Arbeitsplatzsicherung bei. Facharbeiterinnen und Facharbeiter sind gegenüber anderen Bildungsarten deutlich weniger von Arbeitslosigkeit betroffen. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Chancen und Karrieremöglichkeiten einer beruflichen Ausbildung im Handwerk attraktiver ist, als viele Menschen wissen, deshalb wünschen sich Metallhandwerksbetriebe durchgängige Berufsorientierungseinheiten in allen Schulformen.
Besondere Bedeutung kommt dabei der handlungsorientierten Ausrichtung der Unterrichtsmaterialien zu, die auf die konkreten Anforderungen und Prozesse in den Unternehmen abgestimmt sein sollen. Eine zentrale Erarbeitung und Bereitstellung solcher Materialien werden als notwendiger Schritt gesehen, um Lehrkräfte optimal zu unterstützen. Untrennbar verbunden mit dieser Forderung ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.
Das Metallhandwerk ist sich mit dem Gesamthandwerk einig: Es darf keinen Unterschied mehr in der Wertschätzung zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung geben. Beide Bildungswege müssen als gleichwertig anerkannt, gefördert und gesetzlich festgeschrieben werden, um den Fachkräftemangel nachhaltig zu bekämpfen.
Wo sehen Sie Ansätze, die noch zu wenig von der Politik erkannt werden?
Ein wichtiger Punkt ist die Forderung nach konsequenter Digitalisierung der Schulen. Die Integration digitaler Technologien in den Unterricht ist entscheidend, um Schülerinnen und Schüler auf die Herausforderungen der digitalen Wirtschaftswelt vorzubereiten. Das gilt insbesondere für das technologiegetriebene Metallhandwerk, in dem digitalisierte Fertigungstechniken längst Standard sind.
Aus Sicht des BVM ist es außerdem unerlässlich, neben der Forderung nach unbürokratischer Integration auch die gezielte Förderung von Kindern aus Flüchtlingsfamilien, insbesondere mit Blick auf die Sprache, auf die Agenda zu nehmen, um ihnen gleiche Bildungschancen und darüber Zugang zum qualifizierten Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Mit Blick auf den Bedarf an Fachkräften generell ist Fordern und Fördern gefragt. Von der frühen Bildung bis zur Fachkräftequalifikation. Wer sich anstrengt, muss Unterstützung erhalten. Und wer arbeiten will, soll auch arbeiten dürfen. Unter den Fachkräften in unseren Unternehmen sind eine ganze Menge Menschen aus aller Welt. Damit das noch mehr werden und zuwanderungswillige Fachkräfte in unseren Unternehmen arbeiten, ist es wichtig, dass die Politik uns dabei unbürokratisch unterstützt.
Wie positioniert sich das Metallhandwerk in der Diskussion um die Flexibilisierung der Arbeitszeiten?
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist dringend geboten. Vorbild kann die Europäische Arbeitszeitrichtlinie mit einer maximalen Wochenarbeitszeit sein, statt der in Deutschland vorgegebenen täglichen Höchstgrenze. Warum müssen wir diese Dinge in Deutschland kleinteiliger regeln als es Sinn macht und uns damit selber Fesseln anlegen? Arbeitnehmer und Arbeitgeber wünschen sich hier mehr Gestaltungsspielraum. Pragmatismus und Übernahme von Verantwortung sind jetzt gefragt. Das Metallhandwerk fordert Luft zum Atmen.