140127 Busbahnhof
Die Aarauer „Wolke“: Ein organisch geformtes Bushofdach, das über dem Bahnhofsvorplatz schwebt. Foto: Nicklaus Spoerri/formtl

Metallkonstruktionen 2014-01-27T00:00:00Z Busbahnhof: Bauen mit Luft

Seit kurzem hat die Schweizer Kantonshauptstadt Aarau eine eigene Wolke: ein organisch geformtes Bushofdach mit einer teildurchsichtigen und reflektierenden Hülle. Das Dach schwebt gleichsam über dem Bahnhofvorplatz. Anders als ihr meteorologischer Namensvetter schützt die Aarauer Wolke jedoch vor Niederschlägen.

Im Zuge des Bahnhofneubaus in Aarau von Theo Hotz erhielt der Bahnhofvorplatz samt Bushof ein neues Gesicht: Vorhandene Einbauten wurden entfernt sowie die Tiefgaragenerschließung verlegt, um die Bushaltestellen auf dem Bahnhofplatz zu konzentrieren. Dazu entwarfen Mateja Vehovar und Stefan Jauslin mit einem visuell federleichten Bushofdach einen Ruhepol zwischen der belebten Bahnhofstraße und dem neuen Bahnhofgebäude.

Das Folienkissendach hat in der Mitte eine organisch geformte Öffnung. Der Wechsel von halbtransparenter und freier Fläche verstärkt die Leichtigkeit und das Gefühl, unter freiem Himmel und zugleich geschützt zu sein. Unterstützt wird die visuelle Leichtigkeit durch eine Reihe planerischer Weichenstellungen: die Verwendung durchsichtiger Folie in klar und blau mit einer fein austarierten Bedruckung (Stefan Jauslin mit Paolo Monaco); die in einer Achse leicht geneigten Stützen, die in das Kissen eintauchen und die „Wolke“ tragen; der ungleiche Abstand der Folien zur innenliegenden Tragstruktur; eine in die Stahlkonstruktion vollständig integrierte technische Infrastruktur für Wasser, Luft, Elektro und Sensorik sowie das über und unter dem Kissen liegende unregelmäßige Netz aus Edelstahlseilen, das den Folien die benötigte Spannweite gibt. Diese multiplen amorphen Folienbäuche lösen die Großform auf. Sie sind die Träger der vielen Spiegelungen und Lichtreflexe auf der Folienhülle, Auslöser sind die in Stützenrichtung angeordneten Langfeldleuchten. Die innere Tragkonstruktion ist in der Durchsicht schemenhaft zu erkennen. In der Schrägsicht lösen sich die Träger auf und das Dach gewinnt an Volumen.

So leicht und einfach die Wolke auch wirkt – sie erforderte ein fachkundiges und kommunikationsstarkes Planungsteam und eine enge Koordination aller Beteiligten. Vehovar & Jauslin Architektur holten deshalb frühzeitig Form TL als Spezialisten für das Tragwerk und die Folienhülle ins Team. Ein besonderes Anliegen von Form TL war es, den Entwurf von Vehovar & Jauslin machbar zu machen und die Leichtigkeit und Filigranität herauszuarbeiten. Dies gelang, da die Planung und Realisierung auf drei Säulen ruhte: Das Planerteam unter Führung von Suisseplan verfolgte konsequent das Ziel, das luftdichteste und im Betrieb sparsamste Luftkissen zu bauen.

Indem die jeweils dreiteilige Unter- und Oberfolie separat auf den gebogenen Randrohren befestigt wurde, gelang eine einfache und konstruktiv saubere Detaillierung der Wolke. Mit 1.070 Quadratmeter überdachter Fläche und 1.810 Kubikmeter ist das Bushofdach zugleich das weltgrößte Einkammer-Folienkissen. Dabei versorgen je vier 120 Meter lange PE-Rohre unter der Fahrbahn das luftgestützte Kissen im Umluftverfahren mit sauberer und trockener Luft; vier weitere Leitungen führen die Kissenluft zurück in die Stützluftzentrale. Abhängig von der Witterung wird das gesamte System aus Stützluftanlage, Rohrleitung und Folienkissen auf 300 bis 850 Pascal über Außenluftdruck per Sensoren eingeregelt. Da nur die über 2.140 Quadratmeter Kissenoberfläche eindiffundierte Feuchte entfernt werden muss und sowohl das Kissen als auch die Leitungen quasi luftdicht ausgeführt sind, ist das Dach sehr sparsam im Betrieb.

zuletzt editiert am 26. April 2021
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