Abbildung die Allgemeintoleranzen für lineare Größenmaße (DIN 2769:2021-12).
Die Allgemeintoleranzen für lineare Größenmaße (DIN 2769:2021-12). (Quelle: nach DIN 2769)

Feinwerktechnik

21. July 2022 | Teilen auf:

DIN 2769: Die Bedeutung der neuen Allgemeintoleranzen

(Juli 2022) DIN 2769:2021-12 bietet neue Tabellenwerte für die Allgemeintoleranzen. Was das für die etablierten Allgemeintoleranzen nach DIN ISO 2768 bedeutet, inwiefern DIN 2769 mit ISO 22081 und ISO GPS zusammenhängt und was Sie sonst noch im GPS-Normen-Dschungel beachten müssen, lesen Sie hier.

Um die Existenzberechtigung der DIN 2769:2021-12 Geometrische Produktspezifikation (GPS); Allgemeintoleranzen; Tabellenwerte für geometrische Toleranzen und Toleranzen für Längen- und Winkelgrößenmaße ohne individuelle Toleranzangabe nachvollziehen und sie darüber hinaus als Hilfestellung begreifen zu können, ist ein Blick in die bisherige Normenarbeit im Bereich der Geometrischen Produktspezifikation (ISO GPS) notwendig. Das Ziel des GPS-Normensystems ist die Bereitstellung von Regeln und Operatoren, die die eindeutige und vollständige Beschreibung geometrischer Merkmale (zum Beispiel Längen- und Winkelmaße, Form, Lage sowie Oberflächenbeschaffenheit) in technischen Spezifikationen erlauben. Aufgrund mangelnder Konformität mit ISO GPS wurde im Februar des letzten Jahres ISO 2768-2:1989-11 durch ISO 22081 ersetzt. ISO 22081 Geometrische Produktspezifikation (GPS); Geometrische Tolerierung; Allgemeine geometrische und Größenmaßspezifikationen ist Teil des GPS-Normensystems, beschreibt jedoch lediglich ein Konzept, wie allgemeine geometrische und dimensionale Toleranzen für Geometrieelemente festgelegt werden können. Die Verantwortung, ein Bauteil vollständig und eindeutig zu beschreiben, liegt letztlich beim Konstruierenden (Grundsatz 13 nach DIN EN ISO 8015:2011-09).

Um dem Konstruierenden eine Hilfestellung zu bieten und den Aufwand betriebsinterner Toleranzanalysen zu vermeiden, hat der deutsche Normenausschuss NA 152-03-02 AA CEN/ISO Geometrische Produktspezifikation und -prüfung eine ergänzende und konkretisierende nationale Norm DIN 2769:2021-12 erarbeitet. Im Vergleich zur ISO-Reihe 2768 bietet DIN 2769 aktualisierte Klassen und Werte, die darüber hinaus technologie- und materialunabhängig sind.

Wenden Sie die Normen richtig an

Exemplarische Zeichnungsangabe der Allgemeintoleranzen nach DIN 2769. (Quelle: nach DIN 2769)

Die Abbildung „Exemplarische Zeichnungsangabe der Allgemeintoleranzen nach DIN 2769“ veranschaulicht, wie die Normen ISO 22081 und DIN 2769 in der Praxis zusammenspielen. Von oben nach unten wird angegeben, dass der Konstruierende die Zeichnung nach dem Allgemeintolerierungskonzept gemäß ISO 22081 angefertigt hat. Der Allgemeintoleranzwert für Flächenprofile (t1) ist nach Tabelle 1 der DIN 2769 entsprechend dem Kennbuchstaben B und der Kennzahl 5 festgelegt. Die nicht im Speziellen tolerierten linearen Größenmaße sind mit ± t2 eingeschränkt. Der Konstruierende hat hierfür die Toleranzklasse c der DIN 2769 gewählt. Mit der weitest geöffneten Toleranzklasse 3 wurden schließlich alle Winkelgrößenmaße allgemeintoleriert.

Die Tabelle zeigt die Allgemeintoleranzen für lineare Größenmaße (DIN 2769:2021-12).

Sie stellt einen reduzierten Auszug nach DIN 2769:2021-12 dar. Im dargestellten Fall empfiehlt die Tabelle in der Toleranzklasse c eine Allgemeintoleranz von ± 0,8 mm für ein lineares Größenmaß, das > 30 mm und ≤ 120 mm misst. Die Änderungen zur entsprechenden Tabelle Grenzabmaße für Längenmaße außer für gebrochene Kanten in ISO 2768-1:1991-06 sind minimal.

Wenden Sie die richtigen Normen an

Bis zur Veröffentlichung der deutschen Übersetzung DIN EN ISO 22081 sind die etablierten Allgemeintoleranzen nach DIN ISO 2768-1 und -2 weiterhin aktuell. Zwar ist davon auszugehen, dass die Norm DIN EN ISO 22081 noch dieses Jahr in den Druck geht und damit DIN ISO 2768-2 zurückgezogen wird, ein Grund zur Panik besteht aber auch dann noch nicht. Bis die neuen Normen Einzug in alle deutschen Fertigungsbetriebe gefunden haben, ist ausreichend Zeit gegeben, um sich mit ISO GPS zu befassen, danach zu konstruieren, zu fertigen und zu verifizieren. Genau das ist jedoch auch notwendig, um die neuen Allgemeintoleranzen GPS-konform anwenden zu können. Denn, wer DIN EN ISO 22081 beziehungsweise DIN 2769 auf der eigenen Zeichnung angibt, gibt dem Zeichnungsleser zu verstehen, dass grundsätzlich nach ISO GPS gearbeitet wird (Grundsatz 1 nach DIN EN ISO 8015:2011-09). Damit (und mit Grundsatz 13) geht auch einher, dass jede mögliche Interpretation der Zeichnungsangaben als richtig anerkannt werden muss, was zu einer Abnahmeverpflichtung für den Kunden führt.

Im Übergang zwischen der alten Zeichnungswelt und ISO GPS ist eine geschäftliche Einigung auf historische Normen grundsätzlich möglich. Dazu ist lediglich ein datierter Verweis auf der Zeichnung notwendig. Dieser könnte wie folgt aussehen: „Allgemeintoleranzen für Form und Lage gemäß DIN ISO 2768-2:1991-04“.

Fazit:

Eile mit Weile

DIN 2769 kann als Aktualisierung und Erweiterung der DIN ISO 2768 interpretiert werden und ist als solche überschaubar. Aufgrund der Zuordnung der neuen Allgemeintoleranznorm zum GPS-System versteckt sich die Komplexität in den normativen Verweisungen. Deshalb sollte die neue Norm nicht ohne weitere Kenntnisse der Geometrischen Produktspezifikation verwendet werden. Wer die „Grundlagen der Geometrischen Produktspezifikation“ kennenlernen möchte und zudem die Diskussion mit einer der führenden Expertinnen sucht, hat bei der gleichnamigen Veranstaltung am 19.07.2022 die Chance dazu. Einen kleinen Einblick in ISO GPS und die Allgemeintoleranzen erhalten Sie zusätzlich auf dem Feinwerkmechanik-Kongress 2022 in Kaufering. Thomas Röper, BVM

zuletzt editiert am 21.07.2022