Obwohl hauchdünn, überzeugt Dünnglas durch seine extreme Widerstandsfähigkeit und Kratzfestigkeit. Seine Flexibilität und Biegsamkeit ermöglicht zudem ganz neue Anwendungen in der Architektur.
So dünn wie eine Rasierklinge oder ein menschliches Haar – das ist Dünnglas. Es schützt die Touchscreens von Smartphones ebenso zuverlässig wie empfindliche Filter oder Sensoren. Dünnglas eröffnet neue Märkte und macht Visionen zu Realitäten. Wie das geht, zeigt auch die Glasstec 2018 im Oktober 2018 in Düsseldorf.
Inzwischen ermöglichen die speziellen Produktionsverfahren ultradünne Glasfolien, die mit 25 Mikrometer sogar dünner sind als ein menschliches Haar oder eine Rasierklinge.
Dünnglas ist nicht gleich Dünnglas
Dünngläser sind in verschiedenen Branchen für unterschiedliche Produkte gefragt und werden hinsichtlich ihrer Dicke ganz unterschiedlich eingestuft. Während im Bauwesen und in der Architektur bereits Scheiben unter drei Millimeter als zartes Dünnglas gelten und man für Glasdicken im Mikrometerbereich unter einem Millimeter kaum eine sinnvolle und praktikable Anwendung findet, zählen zum Beispiel zwei Millimeter dicke Scheiben in der Medientechnologie schon zu den eher dicken Exemplaren – hier ist man hingegen Abmessungen im Mikrometerbereich gewohnt und versteht Dünnglas bis zu hauchdünnen zwanzig Mikrometer eher als eine Folie, das man auf der Rolle angeliefert bekommt. Dünngläser für den Baubereich lassen sich demnach durchaus noch im herkömmlichen Floatverfahren herstellen, deren minimale Dicken in der Regel einen Millimeter messen
Dünnglas spart Gewicht
Die Vorteile von Dünngläsern liegen sowohl in ihren stofflichen und konstruktiven Eigenschaften als auch in der Gewichtsersparnis zum Beispiel in Kombination mit anderen Gläsern wie Mehrfach-Isolierglasscheiben. Durch chemisches Vorspannen lässt sich die Stabilität und Widerstandsfähigkeit von Dünngläsern zusätzlich erhöhen, was insbesondere bei Displays und Schutzabdeckungen für Smartphones gefragt ist. Weitere Anwendungen sind Deckgläser für mikroskopische Untersuchungen und Nah-Infrarot-Filter für Smartphone-Kameras.
Dünnglas im Bauwesen und in der Architektur
Auch im Bauwesen finden sich Dünngläser als Abdeckglas für verschiedenste Applikationen, bei denen Polymerlösungen an ihre Grenzen stoßen (zum Beispiel zum Einlaminieren von Solarpaneelen). Gegenüber Kunststofffolien ist Glas weitaus hitzebeständiger, es behält seine Form, ist gasdicht und überzeugt durch seine herausragenden optischen Eigenschaften.
Dünnglas als Mittelscheibe
Zunehmend etablieren sich Dünngläser als Mittelscheibe in Dreifach-Isolierverglasungen, weil sich damit die Scheibendicke als auch deren Gewicht deutlich reduzieren lässt. Ein Scheibenaufbau aus äußerer Floatglasscheibe (vier Millimeter), einer teilvorgespannten Mittelscheibe (zwei Millimeter) und einer weiteren Floatglasscheibe innen (drei Millimeter) reduziert das Gewicht gegenüber einer herkömmlichen Verglasung (4/12/4/12/4) von dreißig auf 22,5 kg/m2. Die Vorteile leichter und dünner Verglasungen kommen insbesondere bei Gebäudesanierungen zum Tragen.
Vor Ort anpassbar
Neben der Gewichtsreduktion überzeugen Dünngläser in der Architektur aber auch durch ihre Kombination aus Bruchsicherheit und hoher Flexibilität, was individuelle Anpassungen vor Ort ermöglicht. Zudem ergeben sich neue und variable Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich Form und Design durch Auflaminieren von Dünngläsern mit speziell behandelter Oberfläche (zum Beispiel Glasschleifen, Siebdruck) – allerdings sind derlei Anwendungen bislang eher Vision als alltäglich. Zukunftsgerichtet sind überdies integrierte funktionale Schichten wie zum Beispiel OPV (organische Photovoltaik), die Energie am Fenster ernten, oder schaltbare PDLC-Schichten (Polymer-Dispersed-Liquid-Chrystal), die einen milchig-trüben Sichtschutz ermöglichen und erst beim Anlegen einer elektrischen Spannung durchsichtig werden. Ein Spezialist solcher Technologien ist der österreichische Hersteller Lisec, dessen Vakuum Laminationsverfahren mit diffusionsdichter Randversiegelung die funktionalen Schichten zudem vor Feuchtigkeit und Umwelteinflüssen schützt.
Verformung durch Kaltbiegen
Auch gebogene Gläser finden dank der Dünnglastechnologie in naher Zukunft womöglich verstärkt Eingang in die Architektur – vorgespanntes Dünnglas, das als Einzelglas oder Laminat vor Ort durch Kaltbiegen beziehungsweise Montagebiegen in die gewünschte Form gebracht wird, ist eine kostengünstige Alternative zum werkseitigen Warmbiegen. Zudem überzeugt kaltgebogenes Glas durch seine optischen Eigenschaften, da es weniger Verzerrungen aufweist.
(Quelle: Glasstec, Claudia Siegele)
