Ein modernes Hochhaus in Frankfurt mit Sonnenstrahlen, die sich auf der Glasfassade spiegeln.
Der Global Tower in Frankfurt gilt bei vielen Experten als ein besonders gelungenes Referenzobjekt zum Thema Sanierung. (Quelle: Schüco International)

Interviews mit Branchenpartnern 2026-05-26T09:00:00Z Fassadenbau: Sanierung im Fokus

Ob energetische Modernisierung, neue Sicherheitsstandards oder gestalterische Aufwertung: Die Sanierung von Fassaden gewinnt im Metallbau stark an Bedeutung. Welche technischen Lösungen, Materialien und Planungsprozesse heute entscheidend sind, erläutert unser Interview mit Thomas Haltenhof, Head of Global Technology & Product Solutions bei Schüco International.

„Sanierungsprojekte erfordern eine intensivere und effizientere Zusammenarbeit zwischen Metallbauern, Planern und Bauherren.“

Thomas Haltenhof, Schüco International

Sanierungsprojekte erfordern eine intensivere und effizientere Zusammenarbeit zwischen Metallbauern, Planern und Bauherren.

Thomas Haltenhof, Schüco International

Ein lächelnder Mann in einem Anzug steht in einem hellen Raum.
Thomas Haltenhof ist Head of Global Technology & Product Solutions bei der Schüco International KG. (Quelle: Schüco International KG)

Welche Faktoren treiben aktuell die Nachfrage nach Fassadensanierungen im Metallbau besonders stark an?

Die Nachfrage nach Fassadensanierungen im Metallbau wird derzeit durch ein Zusammenspiel aus ästhetischen, funktionalen und zunehmend auch strategischen Anforderungen geprägt. Viele Fassaden aus den 1980er- und 1990er‑Jahren entsprechen optisch nicht mehr den heutigen Erwartungen: verblasste Farben, veraltete Designs und verschlissene Komponenten verstärken den Wunsch nach einer sichtbaren Modernisierung. Gleichzeitig stehen funktionale Defizite im Fokus – etwa Undichtigkeiten, mangelnder sommerlicher Wärmeschutz oder ein zu hoher Heizbedarf im Winter. Die Sanierung wird dadurch zu einem wichtigen Hebel, um Komfort, Energieeffizienz und bauliche Leistungsfähigkeit der Gebäudehülle spürbar zu verbessern.
Darüber hinaus wirken drei marktprägende Treiber:
Erstens: Steigende Energie- und Betriebskosten erhöhen den wirtschaftlichen Druck, den Verbrauch über die Gebäudehülle zu reduzieren.
Zweitens: Regulatorik und ESG-Anforderungen erhöhen den Druck, Bestände nachweisbar zu verbessern, sonst entstehen Wert- und Vermietungsrisiken.
Drittens: Dekarbonisierung wird zum konkreten Investitionsmotiv, weil Eigentümer den CO₂-Fußabdruck ihrer Gebäude schneller senken müssen und Sanierung dafür einer der größten Hebel im Bestand ist.

Welche typischen Schadensbilder begegnen Ihnen bei Bestandsfassaden aus Metall und Glas?

Am häufigsten sind es Funktionsverluste. Undichtigkeiten an Fugen und Anschlüssen, Dichtungen, die nachlassen, Beschläge, die verschleißen, Öffnungselemente, die nicht mehr sauber schließen oder schwer zu bedienen sind. Dazu kommen bauphysikalische Themen wie Kondensat, Wärmebrücken, Zugerscheinungen oder im Sommer zu hohe Wärmeeinträge. Oft ist es nicht ein einzelner Defekt, sondern ein Gesamtbild aus Alterung und gestiegenen Anforderungen. Deshalb ist es wichtig, mit einer strukturierten Bestandsaufnahme zu starten und auf dieser Basis die richtigen und wirkungsvollen Maßnahmen zu bestimmen.

Luftaufnahme einer großen Baustelle im Herbst mit bunten Bäumen im Vordergrund und einem Kran.
Der Gebäudekomplex New Ganghofer in München ist ein Beispiel für eine minimalinvasive Fassadensanierung durch Flügeltausch. (Quelle: Schüco International KG)

Welche Rolle spielen energetische Anforderungen und gesetzliche Vorgaben bei Sanierungsprojekten?

Energetische Anforderungen und gesetzliche Vorgaben sind bei Fassadensanierungen von großer Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf Fördermöglichkeiten. Das BEG legt bestimmte U-Werte als Schwellenwerte fest, die für die Förderung durch das BAFA erreicht werden müssen: ein U-Wert von 1,3 bzw. 1,5 W/(m²·K) für ertüchtigte und 0,95 W/(m²·K) für neue Elemente. Die Einhaltung dieser Werte ist für Eigentümer essenziell, um Sanierungsmaßnahmen finanziell attraktiv zu gestalten. Langfristige Vorgaben wie die Klimaneutralität bis 2045 sind zwar präsent, werden aktuell jedoch als weniger dringlich wahrgenommen.

Inwieweit beeinflusst der Bestand die Wahl von Materialien und Konstruktionslösungen?

Der Bestand bestimmt Raster, Toleranzen, Anschlüsse und mögliche Materialien. Sein Zustand hat maßgeblichen Einfluss auf die Materialwahl und die konstruktive Lösung der Sanierung. Aluminium- und Stahlunterkonstruktionen sind häufig auch nach Jahrzehnten noch in gutem Zustand und können weiter genutzt werden.
Der Zustand bestimmt auch, wie invasiv, also wie tiefgreifend man in die Struktur eingreifen muss. Das ist besonders wichtig, wenn die Sanierung im laufenden Betrieb geschehen soll. Wenn Tragstruktur, Anschlüsse und Bestandsrahmen gut sind, lohnt es sich oft, genau diese Schnittstellen nicht anzufassen und stattdessen gezielt Funktions- und Performanceebenen zu modernisieren, etwa Verglasung, Dichtungen, Beschläge oder komplette Flügel. Nur der Flügeltausch kann beispielsweise in passenden Fällen sehr effizient sein, weil die Performance deutlich verbessert wird, ohne den Rahmen herauszureißen. Neben der Konstruktion gewinnt die Materialwahl an Bedeutung, weil hiermit der CO₂-Fuß-
abdruck der neu eingesetzten Komponenten nachweisbar gesenkt werden kann. Bei Aluminium lässt sich das zum Beispiel über CO₂-optimierte Qualitäten abbilden, von Low Carbon über Ultra Low Carbon bis Ultra Low Carbon Plus mit Recyclinganteilen von bis >99 Prozent, ohne das Konstruktionsprinzip zu beeinflussen.

Welche technischen Herausforderungen treten bei der Integration neuer Systeme in bestehende Tragstrukturen auf?

In unseren Bestandsanalysen haben wir festgestellt, dass die größten Herausforderungen in den Schnittstellen liegen. Im Bestand sind Toleranzen größer, Details uneinheitlicher, und man stößt fast immer auf Überraschungen. Technisch kritisch sind Lastabtragung und Befestigung, Bewegungen, ein stimmiges Dichtheitskonzept über mehrere Ebenen, Wärmebrücken sowie Feuchte- und Tauwassersicherheit. Dazu kommen Brand- und Rauchschutz sowie Wartungs- und Reinigungszugänge. Wenn die Tragstruktur einer Pfosten-Riegel-Fassade noch intakt ist, kann eine außenliegende Ertüchtigung sinnvoll sein. Schüco bietet mit der Add-on-Construction „AOC Reno“ eine Lösung, bei der die Funktions- und Dämmebene außenliegend erneuert wird, während die bestehende tragende Konstruktion im Bestand erhalten bleibt. Solche Upgrades müssen statisch und konstruktiv sorgfältig geprüft werden, weil der höhere Aufbau und Upgrades auf Dreifachverglasung das Elementgewicht je nach Aufbau erhöhen können. Wenn die Tragfähigkeit sichergestellt ist, sind diese Lösungen sehr effizient und funktionieren langfristig sicher.

Wie verändert die Sanierung die Arbeitsprozesse und die Zusammenarbeit zwischen Metallbauern, Planern und Bauherren?

Sanierungsprojekte erfordern eine intensivere und effizientere Zusammenarbeit zwischen Metallbauern, Planern und Bauherren. Klare Kommunikation, eindeutig definierte Zuständigkeiten und verlässliche Grundlagen sind dabei entscheidend – insbesondere, weil Bestandsunterlagen häufig lückenhaft sind. Digitale und automatisierte Informationsprozesse gewinnen an Bedeutung, um Transparenz und Verfügbarkeit aller relevanten Daten an den Schnittstellen sicherzustellen.
Sanierung verlagert den Aufwand stark nach vorn. Daher müssen Aufmaß, Varianten, Details, Ablauf und Logistik frühzeitig geklärt werden. Spätere Änderungen im Bestand sind teuer und zeitkritisch. Für Metallbauer bedeutet das Chance und Risiko zugleich: Mit verlässlichen Bestandsdaten lassen sich hohe Vorfertigungsgrade erreichen und die Baustellenzeit deutlich reduzieren, ohne diese Daten wird das Projekt schnell unplanbar. Für Bauherren wiederum zählen Transparenz und Risikosteuerung – also klare Schnittstellen –, ein belastbarer Terminplan sowie eine nachvollziehbare Qualitäts- und Nachweisführung. Zunehmend rückt auch der Rückbau in den Fokus, da Materialströme, Entsorgung und Recycling direkte Auswirkungen auf Logistik und Kosten haben.

Welche Bedeutung haben Vorfertigung und digitale Planung (zum Beispiel BIM) bei Fassadensanierungen?

Digitale Planung und Vorfertigung werden bei Fassadensanierungen immer wichtiger, weil sie schnelle Mengenberechnungen, verlässliche Kostenschätzungen und den Vergleich verschiedener Sanierungsoptionen ermöglichen. Das erhöht sowohl die Planungs- als auch die Kalkulationssicherheit und verbessert die Gesamtabwicklung von Projekten. Ihre Bedeutung steigt besonders dann, wenn der Gebäudebetrieb weiterlaufen soll oder die Montagezeitfenster knapp sind. Voraussetzung für funktionierende Vorfertigung im Bestand ist jedoch eine präzise Geometrie. Daher kommen zunehmend scanbasierte Bestandsaufnahmen, Punktwolken und As-built-Modelle zum Einsatz, um Toleranzen, Kollisionen und Montagefolgen im Vorfeld sicher zu klären. Das Ergebnis ist idealerweise ein montagefertiges Paket mit eindeutigen Bauteilen und klar definierten Anschlüssen und Abläufen – was Risiken auf der Baustelle reduziert und Termine deutlich verlässlicher macht.

Welche Entwicklungen und Trends erwarten Sie in den kommenden Jahren im Bereich der Fassadensanierung?

Da viele Bestandsfassaden bei genauer Prüfung in besserem Zustand sind als erwartet, gewinnen moderate und minimalinvasive Maßnahmen an Bedeutung. Mit gezielten Eingriffen lassen sich wirtschaftlich und nachhaltig relevante Verbesserungen erzielen. Parallel entwickeln sich Produkte und Services weiter, um flexible und selektive Lösungen bereitzustellen, die den unterschiedlichen Ausgangssituationen im Bestand gerecht werden. Daraus ergeben sich drei zentrale Trends:
Sanierungen im laufenden Betrieb rücken stärker in den Vordergrund, da Still- oder Leerstand hohe Kosten verursacht. Außenliegende Lösungen wie Zweite-Haut-Fassaden sind für diese Sanierungsform besonders geeignet, weil sie Innenarbeiten minimieren.
Die Nachfrage nach minimalinvasiven Upgrades wird steigen, da diese gezielt die performancebestimmenden Ebenen und Bauteile der Fassade erneuern, anstatt die gesamte Konstruktion auszutauschen.
Dekarbonisierung wird relevanter, aber auch messbarer und praktischer – durch bessere Energiewerte, CO₂‑reduzierte Materialien und strukturierte Rücknahme- und Recyclingwege.

zuletzt editiert am 24. Mai 2026
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