Die Teile eines Systemgeländers liegen teilweise lose herum.
Hier sieht man schon auf den ersten Blick, dass etwas mit der Statik dieses Systemgeländers nicht stimmt. (Quelle: Patzer)

Fertigung und Montage

01. July 2022 | Teilen auf:

Geländer: Sicher gegen den Absturz

(Juli 2022): Balkon- und Treppengeländer zu bauen, gehört zu den wichtigsten Betätigungsfeldern des Metallhandwerks. Doch die Planung, Fertigung und Montage dieser Bauteile ist technisch anspruchsvoll und regelungstechnisch kompliziert. Erfahren Sie mehr darüber, worauf Sie achten müssen.

Bauen ist Ländersache und so hat jedes Bundesland seine eigene Landesbauordnung (LBO) und seine eigenen Verwaltungsvorschriften Technische Baubestimmungen (VV TB). Diese beruhen zwar alle auf der Musterbauordnung beziehungsweise der Musterverwaltungsvorschrift, weisen aber eben doch einige Unterschiede auf und machen vor allem in den Durchführungsbestimmungen je nach Bundesland zum Beispiel zum Überkletterschutz für Kinder teilweise sehr detaillierte Vorgaben oder lassen andererseits vieles offen.

So ist in der Landesbauordnung Bayern zum Beispiel im Paragraf 36 nur festgelegt, dass „Umwehrungen ausreichend hoch und fest sein müssen“. Wer nun meint (vor allem im Privatbereich) freie Hand zu haben, sollte gewarnt sein. Denn letztlich muss sein Produkt den Regeln der Technik entsprechen, um mängelfrei zu sein und in der Rechtsprechung wird immer wieder festgestellt: „Funktionstauglichkeit geht im Regelfall vor vertraglichen Abreden.“

Weisen Sie die Standsicherheit nach

Hier sieht man schon auf den ersten Blick, dass etwas mit der Statik dieses Systemgeländers nicht stimmt. (Quelle: Patzer)

Ein wichtiger Grundsatz wird leider immer wieder außer Acht gelassen. Die Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit sicherheitsrelevanter Bauteile muss nachgewiesen werden. Das gilt auch für Geländer, weil bei Versagen der Konstruktion beziehungsweise der Befestigung „Gefahr für Leib und Leben“ des Nutzers besteht oder ein wirtschaftlicher Schaden entstehen kann. Die Praxis zeigt leider, dass mit diesem Grundsatz teilweise sehr fahrlässig umgegangen wird.

Für die Bemessung sind Lastannahmen zu treffen, die in der entsprechenden Norm zu den Einwirkungen auf Tragwerke (DIN EN 1991-1-1/NA Eurocode 1: Einwirkungen auf Tragwerke) zu finden sind. Die Grenzzustände der Tragfähigkeit und der Gebrauchstauglichkeit müssen nachgewiesen werden.

Die Statik gehört zu den Leistungen des Bauherrn oder dessen Beauftragten (Tragwerksplaner oder Architekt) und ist grundsätzlich nicht Aufgabe des Metallbauers. In Absprache mit dem Auftraggeber kann der Auftragnehmer – gegen zusätzliche Vergütung - die Statik als „Besondere Leistung“ übernehmen. Dann kann der Metallbauer auch die konstruktiven Details seiner Leistungen mit dem Tragwerksplaner besser abstimmen.

Wählen Sie die richtige Befestigung

Bei der Befestigung eines Geländers an einer Balkonplatte von vorn ist unbedingt auf die Randabstände zu achten – und dann noch bei diesem Untergrund. (Quelle: Sternberger)

Die Auswahl des richtigen Befestigungssystems für Geländer ist zwar ebenfalls meist Sache des Planers, aber auch der Metallbauer sollte über geeignete und zugelassene Befestigungsmittel Bescheid wissen und oft genug gibt es Situationen, bei denen der Handwerker selbst diese Auswahl treffen und vielleicht sogar eine Bemessung vorlegen muss. Die wichtigsten Kriterien für die Auswahl des Befestigungssystems sind der Verankerungsgrund, die Wirkungsweise der Befestigung, die Abstände zu benachbarten Befestigungen oder Bauteilrändern und die Art und Größe der Belastung.

Geländerpfosten können mit Ankerplatten, Dübeln oder Ankerschienen oder mit systemabhängigen Verankerungen befestigt werden. Üblich sind drei Arten für die Montage eines Geländers: Befestigung von oben, von vorne oder von unten.

Halten Sie die Maße ein

Über zwölf Meter Absturzhöhe müssen Geländer mindestens eine Höhe von 110 Zentimeter haben. 108 Zentimeter, wie im Bild, sind zu wenig. (Quelle: Kostyra)

Entscheidend ist nicht nur in welchem Bundesland ein Geländer eingebaut wird, sondern auch, in welchem Gebäude: In Wohngebäuden mit bis zu zwei Wohnungen, in Wohngebäuden im Allgemeinen, in Arbeitsstätten, Schulen, Kindergärten, Versammlungsstätten oder Verkaufsstätten. Dabei sind dann neben den Normen für Maße und Toleranzen (unter anderem DIN 18065) unter anderem auch die Arbeitsstättenverordnung, die Technischen Regeln für Arbeitsstätten, die Versammlungsstättenverordnung, die Verkaufsstättenverordnung und die Regelungen der Berufsgenossenschaften beziehungsweise der Unfallversicherungsträger zu beachten. Hinzu kommt noch, ob Barrierefreiheit gefordert ist oder nicht. Dabei den Überblick über Maße, anzunehmende Lasten und Toleranzen zu behalten, ist nicht einfach.

Im privaten Bereich gelten die Anforderungen der jeweiligen Landesbauordnung, in dem das Bauobjekt liegt, mit zum Teil unterschiedlichen Anforderungen an die Geländerhöhe, Ausfachung oder die Abstände.

Die Geländerhöhen in Wohngebäuden müssen entsprechend der jeweiligen Landesbauordnung bis zu einer Absturzhöhe kleiner/gleich zwölf Meter mindestens neunzig Zentimeter betragen. Nur in der Bayrischen Landesbauordnung ist kein Maß festgelegt, sondern dort ist formuliert, dass „Umwehrungen ausreichend hoch und fest sein müssen“. Bei einer Absturzhöhe von mehr als zwölf Metern müssen die Geländer 110 Zentimeter hoch sein. Nur in Baden-Württemberg ist auch dabei eine Höhe von neunzig Zentimeter festgelegt und in Bayern gilt auch kein Maß, sondern die textliche Formulierung. Eine Übersicht über die detaillierten Geländermaße in den einzelnen Bundesländern finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik beziehungsweise im neuen Schadensfallband.

Vorsicht bei den Toleranzen

Der maximale lichte Abstand von Geländerteilen in einer Richtung darf nach DIN 18065 zwölf Zentimeter nicht übersteigen. (Quelle: Miebach)

Geländer sind meist handwerklich gefertigte Einzelbauteile und selbst bei Systemgeländern sind maßliche und optische Abweichungen von den Idealmaßen möglich und wahrscheinlich. Keine Toleranzen (beziehungsweise nur eine Unter- oder Überschreitung) sind bei verschiedenen Geländemaßen zulässig. Dazu gehören zum Beispiel (Mindest)Geländerhöhen oder maximale Abstände von Geländerbauteilen. Werden andererseits die Mindestanforderungen zum Beispiel bei den Höhen von Geländern überschritten, ist das keinesfalls ein Mangel.

Da viele Geländer geschweißte Konstruktionen sind, ist zur Beurteilung von Toleranzen die DIN EN ISO 13920 Allgemeintoleranzen für Schweißkonstruktionen; Längen- und Winkelmaße; Form und Lage heranzuziehen. Dort werden die Toleranzen an Schweißkonstruktionen in vier Toleranzklassen festgelegt.

Neben statischen Mängeln an Geländern wird an vielen geschweißten Konstruktionen immer wieder die Qualität und Ausführung der Schweißnähte bemängelt. Doch nicht jede Pore, Einbrandkerbe oder Nahtüberhöhung ist gleich ein Mangel. Für die zulässigen Unregelmäßigkeiten an Schweißverbindungen ist die DIN EN ISO 5817 Schweißen; Schmelzschweißverbindungen an Stahl, Nickel, Titan und deren Legierungen (ohne Strahlschweißen); Bewertungsgruppen von Unregelmäßigkeiten maßgeblich.

Auch die Oberflächenbeschaffenheit der Geländerbauteile ist oft eine Ursache von Beanstandungen des Auftraggebers. Dabei kann es sich bei den Bauteilen je nach Material und verlangter Oberflächenbeschaffenheit der Geländerbauteile sowohl um feuerverzinkte als auch um organisch beschichtete Oberflächen, um Glasbauteile und um die Oberflächen von nichtrostendem Stahl handeln. Dabei gibt es genauso wie bei den Maßabweichungen und Schweißtoleranzen zugelassene Abweichungen vom Idealzustand. Gerade in diesem Bereich sind Kunden oft sehr kritisch und schauen ganz genau „mit der Lupe“ hin, um eventuelle Fehler zu finden und die Rechnung zu kürzen. Dabei geben die Richtlinien sehr genau vor, aus welchen Betrachtungsabständen, an welchen Oberflächen bestimmte Fehlstellen zugelassen sind.

Fazit: Nutzen Sie die Hilfsmittel

Die Planung, Fertigung und Montage von Geländern ist ein komplizierter, gefahrgeneigter und anspruchsvoller Bereich. Um teure, folgenschwere, imageschädigende und zeitraubende Fehler zu vermeiden, sollte man unbedingt fundierte Hilfsmittel benutzen. Wertvolle Unterstützung bieten dabei das Fachregelwerk und neben den ersten vier Bänden vor allem der neue Band fünf „Schäden an Treppen und Geländern“ der Schadensfallbuchreihe.

Wo Sie mehr erfahren

Schadensfälle: Eine Reihe von Schadensfällen zum Thema „Treppen und Geländer“ ist in den Bänden 1 bis 5 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de.

Fachregelwerk: Wichtige Informationen zum Thema finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik im Kapitel 2.38 Geländer und Umwehrungen, Handläufe. Weitere Informationen zu den Büchern und zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Kundenservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder Mo.-Fr. von 7:30 bis 17:00 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.

zuletzt editiert am 01.07.2022