Im neuen Kongresspalast Roms verwandeln die Ingenieure von Form TL eine massive Stahlkonstruktion in eine leichte Wolke, eine Raum in Raum-Konstruktion, die auf mehreren Ebenen unterschiedliche Kongressräumlichkeiten beherbergt.
Seit kurzem ist Rom um eine architektonische Attraktion reicher. Ende Oktober 2016 eröffneten die Stadtväter das neue Kongresszentrum aus der Feder des italienischen Architekten Massimiliano Fuksas. Magischer Blickfang im Gebäude ist eine schimmernde Wolke aus Membrane, eine Raum in Raum-Konstruktion, die auf mehreren Ebenen unterschiedliche Kongressräumlichkeiten beherbergt.
Der Kongresspalast liegt südlich vom römischen Zentrum, im modernen Stadtteil E.U.R., und nimmt eine städtebaulich wichtige Rolle an der Via Cristoforo Colombo ein, der Hauptachse des Viertels. Der Architekt Massimiliano Fuksas beschreibt seinen Entwurf mit drei Elementen: „Teca“ (Theke), „Lama“ (Schwert) und „Nuvola“ (Wolke). Die Teca, ein dreißig Meter hoher Quader, ist im Zusammenspiel mit dem schlanken Hotelsolitär Lama so zur Via Cristoforo Colombo angeordnet, dass ein einladender Vorplatz entsteht. Gemeinsam bilden diese Elemente einen markanten Orientierungspunkt im Stadtgefüge. 200 Meter Länge und 75 Meter Breite verleihen der Teca die Form eines containerartigen Kubus. Sein Stahltragwerk ist umhüllt von einer doppelten Glasfassade, die schon von weitem Einblick gewährt auf das eigentliche Herzstück des Projektes: La Nuvola – eine weiße Wolke.
Eine schwebende weiße Wolke
Nahezu schwebend und nur an einer Stelle mit dem Boden in Berührung, beherrscht die langgestreckte, amorphe Form den Innenraum des Glascontainers. Die transluzente Hülle der Nuvola besteht aus silikonbeschichtetem Glasgewebe, das zusätzlich akustisch wirksam perforiert wurde. Über Treppen und Stege tauchen die Gäste in das Innere der 129 Meter langen, 65 Meter breiten und 29 Meter hohen Wolke ein. Hier befinden sich auf mehreren Ebenen ein Auditorium mit etwa 1.800 Plätzen, verschieden große Sitzungssäle mit insgesamt rund 6.500 Sitzen, dazu Foyerbereiche und ein Café. Die Tragkonstruktion der Nuvola besteht aus Stahl und wird aus einem engmaschigen Netz aus Metallrippen gebildet. Diese Grundform, welche die Architekten unter Mitwirkung des italienischen Professors Massimo Majowiecki entwickelt haben, entstand folgendermaßen: Das Wolkengebilde wurde virtuell in allen drei Achsen in fest definierten Abständen in Scheiben geschnitten und das daraus entstandene Gerippe in Stahl gebaut. Mit der Realisierung der Hülle beauftragten Fuksas Architekten das Unternehmen Cannobio – dieses wiederum holte aufgrund der komplexen Grundform die Membranexperten von Form TL ins Boot. Denn die Unterkonstruktion mit ihren festen Achsabständen erwies sich als große Herausforderung bei der Planung. Für die leichte Wirkung einer Wolke wären an manchen Stellen weitere beziehungsweise engere Abstände von Vorteil gewesen.
Fast 3.000 unterschiedliche Zuschnitte
Dieser Schwierigkeit begegneten die Ingenieure aus Radolfzell, indem sie die Spannung der Membrane an die einzelnen Situationen anpassten und eine Konsolenkonstruktion entwickelten. Die Konsolen sind auf den Stahlrippen aufgebracht und höhenverstellbar. So ermöglichen sie eine Feinjustierung, damit die Stahlrippen nicht mit der Hülle kollidieren und die Membran die weiche Optik einer Wolke erhält. Befestigt und gespannt wird das Glasgewebe mithilfe von Klemmleisten, die auf den Konsolen liegen. Entsprechend dem Entwurfsgedanken sind auch die einzelnen Zuschnitte mit möglichst wenig Nähten zwischen den Rippen geplant. Aufgrund der amorphen Form besteht die Hülle aus 2.763 unterschiedlichen Zuschnitten, die bei der Konfektionierung zu 607 einzelnen Paneelen zusammengefügt wurden. Auch bei den Konsolen und den Klemmlinien entlang der Stahlrippen gleicht kaum ein Teil dem anderen – nicht nur eine planerische, sondern auch ein logistische Herausforderung.
Doch der Einsatz hat sich gelohnt – ein Gefühl von Leichtigkeit umspielt La Nuvola vom ersten Anblick an. Und ist die Wolke schon bei Tageslicht beeindruckend, so entfaltet sie bei Nacht eine noch außergewöhnlichere Wirkung: Ein riesiger schwebender Leuchtkörper, der weithin sichtbar ist.
