Abbildung Iris Münz, Geschäftsführerin
Gemeinsam mit Ehemann Dieter gründete Iris Münz 2019 die Ultra-Tec Anlagentechnik Münz. Zusammen bilden sie die Geschäftsführung. Sie war vorher als Bankfachwirtin im Firmenkreditgeschäft tätig, er ist Produktionstechniker und Wirtschaftsingenieur. (Quelle: Ultra-Tec Anlagentechnik Münz)

Feinwerktechnik

20. April 2022 | Teilen auf:

Messe: Geniale Idee trifft fachkundiges Publikum

(April 2022) Vom 17. bis 20. Mai 2022 findet erstmals in Stuttgart die Grinding-Hub statt. Sie ist die neue Fachmesse und das neue Drehkreuz für die Schleiftechnik. Unter anderem werden innovative junge Unternehmen auf dem Start-up Hub zu sehen sein.

Zwei Jahre Pandemie, zwei Jahre ohne Messe – Iris Münz, Geschäftsführerin der Ultra-Tec Anlagentechnik Münz ist die Vorfreude auf die Grinding-Hub in Stuttgart (17. bis 20. Mai 2022) deutlich anzumerken: „Wir hatten im Oktober 2019 gerade unseren Prototypen am Start, dann kam Corona“, erzählt sie. „Jetzt können wir es wirklich kaum erwarten, unsere Ultraschall-Entgratungsanlage einem breiten fachkundigen Publikum vorzuführen.“ Das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Laupheim beteiligt sich am Gemeinschaftsstand Start-up Hub und nutzt damit ein Angebot, mit dem Grinding-Hub-Veranstalter VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken) jungen Unternehmen den Markteinstieg erleichtern möchte.

Gründerszene nach Pandemie-Delle im Aufwind

Gemeinsam mit Ehemann Dieter gründete Iris Münz 2019 die Ultra-Tec Anlagentechnik Münz. Zusammen bilden sie die Geschäftsführung. Sie war vorher als Bankfachwirtin im Firmenkreditgeschäft tätig, er ist Produktionstechniker und Wirtschaftsingenieur. (Quelle: Ultra-Tec Anlagentechnik Münz)

Gerade für Start-ups haben Messen eine besondere Bedeutung, um neue Kunden zu treffen und eine starke, zuverlässige Marke aufzubauen, stellt der VDW in seiner Messeankündigung fest. Die neue Fachmesse Grinding-Hub kommt zum richtigen Zeitpunkt. Die Stimmung in der Szene ist gut, bestätigt auch Marvin Kaes, Leiter des RWTH Innovation Entrepreneurship Centers. Es gebe derzeit viele interessierte Investoren und offensichtlich auch viel Kapital im Markt. Der Deutscher Startup Monitor (DSM) des Startup Verbands, Berlin, zeigt, dass sich das Geschäftsklima für junge Unternehmen nach der Corona-Pandemie deutlich erholt hat und wieder auf Vorkrisenniveau liegt. Allein im vergangenen Jahr wurden für Deutschland 2.013 Start-ups ausgewiesen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Unternehmen, die kurz vor der Pandemie gegründet wurden, auch schwierige Zeiten überbrücken mussten. Statistisch werden rund zwei Drittel aller Neugründungen aus eigener Kraft und eigenfinanziert auf den Weg gebracht. Und wo es keine Referenzumsätze der Vorjahre gab, waren Corona-Hilfen keine Option.

Ultraschall-Entgraten: effizient und ressourcenschonend

Durch das automatisierte Ultraschall-Entgratungsverfahren lassen sich Bauteile in einem definierten Winkel entlang der Sonotrodenspitze führen. Grate werden aufgeschwungen und prozesssicher abgetragen. (Quelle: Ultra-Tec Anlagentechnik Münz)

Das galt auch für das Unternehmen, das Iris Münz gemeinsam mit Ehemann Dieter 2019 gegründet hat. Und dabei hatte alles so gut begonnen: Die ursprüngliche Idee für die Ultraschall-Entgratungsanlage stammt aus einem Projekt, mit dem sich Münz-Sohn Jonas gemeinsam mit einem Freund erfolgreich bei „Jugend forscht“ bewarb. Drei Tage bevor der Junior die höchste Auszeichnung, den „Preis des Bundespräsidenten für eine außergewöhnliche Arbeit“ entgegennahm, wurde die Firma Ultra-Tec Anlagentechnik Münz gegründet. Dieter Münz, Produktionstechniker und Wirtschaftsingenieur, hatte die beiden Jungforscher gecoacht. Es war ihm danach ein besonderes Anliegen, das Verfahren zur Marktreife zu entwickeln und gleichzeitig zu verhindern, dass es „in irgendeiner Schublade verschwindet“. Das neuartige und hoch innovative Ultraschall-Entgratungsverfahren hat sich das Unternehmen durch zwei bereits erteilte Patente geschützt. Angeregt durch den Ultraschall-Generator, schwingt die Sonotrode im Prozesswasserbecken 20.000-mal in der Sekunde über 0,1 Millimeter vor und zurück, erläutert Iris Münz. Führt man die zu entgratenden Kanten und Bohrungen eines Bauteils in einem definierten Winkel entlang der Sonotrodenspitze, werden die Grate aufgeschwungen und prozesssicher abgetragen. Das Besondere an dem Verfahren ist, so Münz, dass es nahezu materialunabhängig ist und sich auch sensible Oberflächen, komplexe Geometrien, Mikrobauteile oder scharfe Kanten in dem validierbaren Prozess automatisiert bearbeiten lassen. Die mechanisch-technischen Eigenschaften werden nicht verändert. Auch unter Umweltaspekten kann das Ultraschall-Verfahren punkten: Es begnügt sich laut Iris Münz mit ressourcenschonenden fünf Prozent des Energieverbrauchs gegenüber dem thermischen Entgraten oder Hochdruckwasserstrahlentgraten. Das Prozesswasser lasse sich problemlos entsorgen, da keine entsorgungspflichtigen Chemikalien beigefügt und die abgelösten Grate ausgefiltert werden.

Rundschleifen auf den Kopf gestellt

Helmut Gaisberger ist als Global Sales Director für die 2016 gegründete G-Elements tätig. Das Schweizer Unternehmen stellt auf der Grinding-Hub ein neues Konzept für Rundschleifmaschinen vor. (Quelle: Alexandra Rätzer Photography)

Das Thema Ressourceneffizienz steht auch bei der Firma G-Elements aus Wallisellen, Schweiz, ganz oben auf der Agenda. Gegründet wurde das Unternehmen 2016 von den beiden Maschinenbauern Florian Hänni und Thomas Sigrist, die das Konzept der Rundschleifmaschine einfach mal - im besten Sinne - auf den Kopf stellten. Nach der Philosophie „Pure Grinding“ wurde eine Rundschleifmaschine von Peripherie-Geräten befreit und an der X-Achse aufgestellt. Mit dem neuen Achskonzept macht sich die Maschine einerseits die Schwerkraft zu Nutze, um hochpräzise und mit Toleranzen von bis zu plus/minus zwei Mikrometer zu schleifen. Zum anderen begnügt sie sich mit einer Grundfläche, die gerade mal den Maßen einer Europalette entspricht. Die leichten 440 Kilogramm Gewicht lassen sich auf drei Rollen bewegen. „Wir fahren die Maschine zu den Aufträgen, nicht umgekehrt“, sagt Global Sales Director Helmut Gaisberger. Inbetriebnahme und Umrüsten sollen so wenig Zeit wie möglich in Anspruch nehmen. Kaum eine Stunde benötige man von der Anlieferung bis zum ersten Span, heißt es, zumal die Bedienung „super-einfach“ sei. Die Videoanleitung erleichtert das Vorgehen. Schon aus diesem Grund sei die Maschine ideal für Lehrwerkstätten, Prototypenbau und Null-Serien geeignet oder „einfach für alle“, so Gaisberger, „die vom häufigen Umrüsten genervt sind“.

Die Novität begnügt sich mit einer 230 Volt Haushaltssteckdose als Stromquelle und verbrauche nicht mehr Energie als eine Kaffeemaschine. Zur Wirtschaftlichkeit der Maschine trage die serienmäßige Ausstattung bei, zu der etwa Körperschalleinrichtung, eine frei verfügbare Software, die frei programmierbare Spindeldrehzahl sowie zwei Messkanäle für Tesa-Taster zählen. Auch der Offline-Programmierplatz ist im Lieferumfang enthalten. Die Steuerung wurde selbst entwickelt. Zudem ist die Maschine auf Automation und Vernetzung vorbereitet.

Aus der Forschung in den Markt

Daniel Mirbach ist Marketingleiter des Aachener Unternehmens Oculavis, das auf dem Start-up Hub die modulare Augmented Reality-Plattform oculavis Share präsentiert. „Unser Ziel ist es“, so Mirbach, „technisches Wissen an jeden Ort der Welt zu bringen.“ (Quelle: Oculavis)

In Deutschland hat nahezu jede zweite Neugründung einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund. Laut DSM stammt zudem jede vierte Unternehmensgründung (26 Prozent) aus dem Bereich Forschung/Hochschule. Das spiegelt sich auch auf dem Start-up Hub der Grinding-Hub wider. Während die Fraunhofer-Gesellschaften von einem „integralen Bestandteil eigener Verwertungsaktivitäten“ sprechen, sieht das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hier vor allem den Ursprung besonderer Hoffnungsträger. Von Spin-offs erwartet man schnelles Wachstum, positive Beiträge zum Strukturwandel, starke Impulse beim Technologietransfer und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

In dieses Muster passt die Firma Oculavis, 2016 aus der Fraunhofer-Gesellschaft und der RWTH Aachen hervorgegangen und ebenfalls auf dem Start-up Hub präsent. Ihre Mission: Abläufe in Kundenservice, Wartung und Instandhaltung zu transformieren. Auf der Grinding-Hub stellen die Aachener ihre modulare Augmented Reality-Plattform Oculavis Share vor, die das Ziel verfolgt, „technisches Wissen an jeden Ort der Welt zu bringen“, wie Marketingleiter Daniel Mirbach betont. Oculavis räumte bislang nicht weniger als 18 Awards ab und gewann den Gründerpreis NRW. Von der Corona-Pandemie dürfte das Unternehmen, das inzwischen knapp siebzig Mitarbeiter beschäftigt, erheblich profitiert haben.

„Mit unserer Softwareplattform gestalten wir Serviceprozesse an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine neu“, erläutert Mirbach, „indem wir die Verfügbarkeit von technischen Informationen und maschinenrelevantes Expertenwissen mit Augmented Reality beschleunigen.“ Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels, aber auch nach den Erfahrungen der Pandemie nehmen immer mehr Unternehmen davon Abstand, teure Servicetechnikerinnen und -techniker auf lange Reisen zu Kunden etwa nach Indien oder Australien zu schicken. Es wird zunehmend nach digitalen Lösungen gesucht, um hohe Servicequalität bei gleichzeitig hoher Maschinenverfügbarkeit sicherzustellen. Auf dem Start-up Hub der Grinding-Hub widmen sich gleich drei junge Unternehmen dem Themenkomplex digitaler Services. Neben Oculavis sind auch die Schweizer Unternehmen Rimon Technologies, ein Spin-off der ETH Zürich, und Atlas-VR mit Software für Produktion und Produktionsplanung präsent. Sie bieten zudem Lösungen im Bereich Virtual Reality und Augmented Reality.

Smart Services bringen Start-ups und Schleifer zusammen

Beim audiovisuellen Live-Support erfahren Maschinenbedienende individuelle Unterstützung, indem sie sich über ein mobiles Endgerät ihrer Wahl mit Expertinnen und Experten des Herstellers verbinden. (Quelle: Oculavis)

Mit der modularen Augmented Reality-Plattform Oculavis Share lassen sich diverse Smart Services realisieren, darunter etwa Remote-Abnahmen, Inbetriebnahmen, Trainings und Störungsbeseitigungen. Über Smartphones, Tablets oder auch Datenbrillen sorgt die Plattform dafür, dass Mitarbeitende vor Ort virtuell geführt und angeleitet werden, ob nun eine neue Anlage eingerichtet, die Zugkraft einer Spindel überprüft oder ein defektes Bauteil im Inneren einer Maschine ausgetauscht werden soll. Für standardisierte Tätigkeiten wie Instandhaltungs-, Wartungs- und Reparaturaufgaben können digitale Workflows mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen genutzt werden. Verschlüsselungstechnologien und Berechtigungsmanagement sorgen für die notwendige Datensicherheit.Besonders wichtig sei es, so Daniel Mirbach, den Servicefall mit Sreenshots und Videoaufzeichnungen technisch dokumentieren zu können. Die „White Label Option“ lässt zudem ein individuelles Corporate Branding zu. „Der Anlagenhersteller wird zum Anbieter seiner eigenen Remote Service-Plattform“, sagt Mirbach, „was dann auch spannend mit Blick auf neue Geschäftsmodelle im Service ist.“ Ein Beispiel dafür finden Besucherinnen und Besucher der Grinding-Hub am Stand der Vollmer Werke, Biberach. Der international agierende Maschinen- und Anlagenbauer ermöglicht dort Einblicke in seine neuen digitalen Services wie Visual Support, das als Abo-Modell mit Hilfe des Oculavis Systems realisiert wurde.Auf der Grinding-Hub als internationaler Treffpunkt für die Schleiftechnik-Branche bietet das Start-up Hub beste Anknüpfungspunkte für Zukunftstechnologien und datengetriebene Prozesse oder Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und Internet of Things (IoT). Für die jungen Unternehmen haben die Kommunikationsmöglichkeiten auf der Fachmesse den größten Reiz, wie Daniel Mirbach es ganz deutlich auf den Punkt bringt: „Wir wollen die Schleifer für unsere Ideen gewinnen.“

Strategie Ausgründung

Marvin Kaes, Leiter des RWTH Innovation Entrepreneurship Centers. Die RWTH Aachen ist in der deutschen Hochschulszene Spitzenreiter bei der Zahl der Ausgründungen. (Quelle: Marvin Kaes)

Drei Fragen an Marvin Kaes, Leiter des RWTH Innovation Entrepreneurship CentersAuf der Grinding-Hub gibt es den Gemeinschaftsstand Start-up Hub, an dem auch ein Spin-off der RWTH Aachen beteiligt ist. Das dürfte kein Zufall sein. Aachen ist in der deutschen Hochschulszene Spitzenreiter bei der Zahl der Ausgründungen. Woran liegt das?Als Gründerzentrum sind wir der Uni zwar angegliedert, genießen aber sehr viel eigenen Gestaltungsspielraum. Entsprechend unserer Vision, Europe‘s Leading Tech Incubator zu werden, haben wir eine dreistufige Strategie entwickelt. Diese beginnt mit der Mobilisierung, in der wir Studierenden über Vorlesungen, Gründerstammtische und andere Veranstaltungen die Option einer eigenen Unternehmensgründung näherbringen. In der zweiten Phase können die Studierenden dann auf uns zukommen. Wir wollen vermitteln, dass niemand mit seiner Idee allein ist und bieten daher Coachings und Workshops an, um die Teams in der ersten Zeit vor und nach ihrer Gründung bestmöglich zu unterstützen. In der dritten Phase folgt die Aufnahme in eine Community aus rund 500 Start-ups, wobei Kontakte zu Mentoren, externen Fachleuten und Investoren vermittelt werden.

Was sind die größten Hürden für angehende Gründerinnen und Gründer?

Zum einen neigen Forschende dazu, sich zu lange beim Prototyp aufzuhalten und diesen möglichst zu perfektionieren, bevor sie mögliche Kundinnen und Kunden einbeziehen. Wir versuchen, eine achtzig/zwanzig-Strategie zu vermitteln, die noch Luft lässt, auf Kundenwünsche einzugehen. Die zweite große Hürde besteht darin, sich ein gutes Team und ein Netzwerk aufzubauen. Ganz wichtig: Man sollte sich frühzeitig mit den Themen Go-to-Market-Strategie und Recruiting auseinandersetzen.

Wie stark hat die Gründungsbewegung unter der Corona-Pandemie gelitten?

Wir hatten 2020 eine kleine Delle, doch im Moment spüren wir ein starkes Interesse. Bei uns wird ja immer sehr viel Forschung betrieben, die auch in Patente übergeht. Die Herausforderung besteht darin, Forschende dahingehend zu motivieren und zu unterstützen, ihre Forschung dann auch in die Wirtschaft zu bringen. Aus dem RWTH Aachen-Umfeld gehen inzwischen über hundert Start-ups pro Jahr an den Start. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Zahl in diesem Jahr sogar noch steigern werden.

Hintergrund

Grinding-Hub 2022 in Stuttgart

Vom 17. bis 20. Mai 2022 findet erstmals in Stuttgart die Grinding-Hub statt. Sie ist die neue Fachmesse und das neue Drehkreuz für die Schleiftechnik. Ausgerichtet wird sie, künftig in einem Zweijahres-Turnus, vom VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken), Frankfurt am Main, in Kooperation mit der Messe Stuttgart und der Schleiftagung sowie in ideeller Trägerschaft des Industriesektors „Werkzeugmaschinen“ von Swissmem (Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie). Die Schleiftechnik gehört in Deutschland zu den Top-vier Fertigungsverfahren innerhalb der Werkzeugmaschinenindustrie. 2021 hat die Branche, laut Schätzungen des VDW, Maschinen im Wert von 805 Millionen Euro produziert. Gut achtzig Prozent gingen in den Export, davon etwa die Hälfte nach Europa. Die größten Absatzmärkte sind China, die USA und Italien. Für den Weltmarkt liegen dem VDW Daten bis einschließlich 2020 vor. Unter den Top-Produzenten führen China, Deutschland und Japan die Weltrangliste an. Weltweit produzierte die Schleiftechnik 2020 Maschinen im Wert von 4,3 Milliarden Euro.(Quelle: VDW/ Cornelia Gewiehs, freie Journalistin, Rotenburg (Wümme))

zuletzt editiert am 21.04.2022