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„Es fasziniert mich, wenn ein Bauteil, das vor mehr als hundert Jahren gefertigt wurde, durch unsere Arbeit für weitere hundert Jahre fit gemacht wird“, erklärt Gabriele Sawitzki, Chefin der Rixdorfer Schmiede in Berlin, im Gespräch mit M&T-Redakteur Jörg Dombrowski. Fotos: M&T

Interviews mit Branchenpartnern

14. December 2020 | Teilen auf:

Nachhaltigkeit: „Im Hier und Heute verortet“

(Januar 2021) Mit und von der Nachhaltigkeit kann man auch in einem kleinen Handwerksbetrieb leben. Wir haben Gabriele Sawitzki, Chefin der Rixdorfer Schmiede in Berlin, unter anderem gefragt, wie das funktioniert. Lesen Sie diese und weitere interessante Antworten im Interview.

Wie ist die Auftragslage für Sie momentan und wie macht sich die Corona-Pandemie für Sie bemerkbar?
Meine Auftragslage ist in Hinblick auf den Jahresanfang gut. Wir haben einen Auftragsbestand, der uns sicher ins neue Jahr führt, vorausgesetzt, wir haben keine Coronafälle im Betrieb und die MitarbeiterInnen müssen nicht in die Quarantäne. Dieses Damoklesschwert schwebt dauerhaft über uns allen.

Sie bieten jetzt unter anderem Schutzwände für den direkten Kundenkontakt an, wie lief und läuft das Geschäft?
Ja, unsere direkte Reaktion auf die Corona-Ausbrüche im März 2020 war, dass wir sondiert haben, was wir Spezifisches für das tägliche Berufsleben und den Einzelhandel herstellen können.

Was hält uns im Bereich „Systemrelevanz“?
Im kleinen Maßstab wurden Arztpraxen und Geschäfte durch uns in Windeseile mit Schutzwänden ausgestattet. Wir haben dann eine kleine Serie auf Vorrat gefertigt, die jedoch nicht komplett abverkauft wurde. Da waren große Lieferanten erfolgreicher. Aber es hat uns geholfen, die große Verunsicherung, die der Ausbruch der Pandemie bei uns ausgelöst hat, sinnvoll zu füllen.
Wir hatten uns gerade auf einen Messestand bei der IHM in München vorbereitet. Das war dann ja alles plötzlich hinfällig.
Kleinaufträge im Direktverkauf sind aktuell nicht unsere Strecke und bedürfen anderer Vertriebsstrategien. Kleinprodukte für Haus und Garten dienen bei uns eher dazu, bei potenziellen Kunden im Gespräch und im Gedächtnis zu bleiben. Stärker interessiert bin ich an Raumteilern für Großraumbüros mit Stahl-Glas-Elementen und an Restaurierungen. Das gehört zu meiner langjährigen Kernkompetenz.

„Unseren Kunden scheinen unsere Arbeit und unser Ansatz zu gefallen.“

Gabriele Sawitzki, Chefin der Rixdorfer Schmiede

Welche Risiken sehen Sie für die mittelfristige Zukunft Ihres Betriebes und wie begegnen Sie diesen?
Die große Frage für den Betrieb ist – wie bei so vielen – die Frage der Nachfolge. Das ist jetzt durch Corona etwas überlagert worden. Da bin ich offen für Modelle eines gleitenden Übergangs, bin jedoch noch ohne Kronprinzessin. Noch sehe ich mich einige Jahre in der aktiven Phase. Es wäre schön, die erworbene Kompetenz zu nutzen und auszubauen und dann weiterzugeben. Hin und wieder blitzen Ansätze auf, in welche Richtung es gehen könnte. Aber es sind leider bisher nur Ansätze.

Warum ist Nachhaltigkeit für Sie wichtig?
Ohne nachhaltiges Handeln meiner Generation haben unsere Enkelkinder keine Chance. Darüber hinaus fasziniert es mich, wenn ein Bauteil, das vor mehr als hundert Jahren gefertigt wurde durch unsere Arbeit für weitere hundert Jahre fit gemacht wird.

„Ohne nachhaltiges Handeln meiner Generation haben unsere Enkelkinder keine Chance“, Gabriele Sawizki

Wie setzen Sie das Thema in Ihrem Betrieb um und wie sieht Nachhaltigkeit bei Ihnen aus?
Nachhaltigkeit im Metallbau bedeutet für mich, dass neben der funktionsgerechten Ausführung der Korrosionsschutz an näch­ster Stelle steht. Wie das Ganze dann optisch umgesetzt wird folgt danach. Und dann folgen die Wahl der Technologien und der Einsatz von möglichst umweltfreundlichen Materialien und Hilfsstoffen.
Mitte der neunziger Jahre waren wir eine der ersten Berliner Schlossereien, die sich mit dem Thema Umweltschutz in Bezug auf Energieeinsatz, Lärmemission etc. aktiv auseinandergesetzt hat und die Produktionshalle umgestaltet hat. Wenn auch am jetzigen Mietstandort einige Wünsche offen bleiben, so schauen wir doch, wie wir die Werkstattarbeit so gestalten können, dass zum Beispiel Arbeiten, die Lärm verursachen, räumlich und zeitlich entkoppelt werden. Die Umsetzung im Betrieb erfordert immer wieder die Aufklärung und Weiterbildung der MitarbeiterInnen. Das fängt ganz banal bei der Mülltrennung und der geregelten Entsorgung von Schadstoffen an und geht über die Lüftungslöcher für den Verzinkungsprozess, über die sich so gerne das Kondenswasser in Rohrkonstruktionen sammelt und letztendlich zu Eissprengungen führt, bis hin zum sinnvollen reduzierten Energieeinsatz.

Kann man von und mit der Nachhaltigkeit als Metallhandwerksbetrieb leben?
Wir leben sowohl von als auch mit der Nachhaltigkeit. Unser Hauptauftragsvolumen ist im denkmalgeschützten Bereich angesiedelt. Unseren Kunden scheinen unsere Arbeit und unser Ansatz zu gefallen.

Sie haben vor einigen Jahren den Deutschen Metallbaupreis gewonnen. Wie nachhaltig war dieser Preis für Ihren Betrieb?
Der Metallbaupreis in 2016 für die Restaurierung einer Gründerzeittür hat einen sehr nachhaltigen Effekt für mich und meinen Betrieb. Da kommt dann keine Frage mehr wie: „Können Sie das denn auch?“, die immer noch gerne an Frauen in diesem Bereich gestellt wird. Mir persönlich hat diese Anerkennung unserer Arbeit sehr viel bedeutet. Vermutlich bewirkt die Preisverleihung auch, dass ich im Kollegenkreis für Restaurierungsarbeiten weiter empfohlen werde. Darüber kommen interessante Aufträge mit durchaus beachtlichen Volumina.

Warum sollte sich ein Metallhandwerksbetrieb an dem Wettbewerb beteiligen?
Der Wettbewerb ist wie ein großes Schaufenster im Metallhandwerk. Der Aufwand der Bewerbung ist überschaubar. Die Ehre, die man durch die Prämierung erfährt, ist groß.

Tradition und Moderne spielen für Sie eine große Rolle. Wie verbinden Sie beides in Ihrer Arbeit?
Tradition knüpft für mich bei den handwerklichen Techniken an, die bei uns in der Restaurierung eingesetzt werden. Die Arbeit, die vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten unter ganz anderen Bedingungen geleistet wurde, wird von uns wertgeschätzt und dort, wo es angebracht ist, in alter Technik erbracht. Moderne Fertigungsverfahren werden eingebunden, dort wo es sinnvoll ist.
Die Formensprache des Bauhauses trifft meinen persönlichen Geschmack. In Bezug auf das betriebliche Gefüge graust es mir vor der Tradition. Dort wäre mir kaum Raum gegeben worden. Da bin ich kompromisslos im Hier und Heute verortet und versuche dies in meinem Handwerksbetrieb umzusetzen.

Wie begegnen Sie Nachwuchsproblemen in Ihrer Firma?
Wir sind ein recht kleiner Betrieb mit vier Beschäftigten. Bisher übersteigen die Bewerbungen sowohl im Facharbeiter- als auch im Ausbildungsbereich meinen Bedarf. Bei Auftragsspitzen gibt es einen kleinen Pool von zum Teil ehemaligen MitarbeiterInnen, die sich selbstständig gemacht haben. Bei Montagen kann ich mich so auf zuverlässige externe Unterstützung in einem vertrauten Team verlassen. Das ist eine große Hilfe, für die ich sehr dankbar bin.

Wie machen Sie Ihre Firma zukunftsfest?
Eine solide wirtschaftliche Grundlage, fachliche Kompetenz und eine weltoffene an heutigen Werten ausgerichtete Wertschätzung im Umgang miteinander und mit allen betrieblichen VertragspartnerInnen ist für mich die beste Zukunftssicherung.

Erfahren Sie mehr

Weitere Infos über die Rixdorfer Schmiede und ihre Projekte finden Sie unter: www.rixdorferschmiede.de; www.facebook.com/gabriele.sawitzki.5
Das Video über das Siegerobjekt des Deutschen Metallbaupreises 2016 von Gabriele Sawitzki finden Sie im Youtube-Kanal der M&T unter diesem Link. Die Bewerbungsfrist für den Deutschen Metallbaupreis startet jährlich am 1. Januar und endet am 31. Mai. Weitere Informationen finden Sie unter www.metallbaupreis.de.
Wir haben weitere Informationen über ein interessantes aktuelles Restaurierungsprojekt (449,72 KB - PDF) der Rixdorfer Schmiede für Sie.