Blick auf ein geschlossenes Metallgittertor in einer Parkgarage, das den Zugang zu einem Parkbereich kontrolliert
Der Torpanzer des ersten Tores besteht aus zehn Segmenten mit einem ergänzenden Koppelelement zum Motor, und das Tor hat keine Bodenschienenführung. (Quelle: Kammenhuber)

Schadensfälle 2024-08-01T08:44:14.387Z Ohne Dokumente nicht zulässig

Zwei kraftbetriebene Sektionaltore waren lange nicht gewartet worden, und es fand sich aufgrund fehlender Dokumente auch keine Firma, die das übernehmen wollte. Nun musste der Sachverständige ran.

An einer Hofdurchfahrt durch ein Gebäude waren zwei motorisch angetriebene Seiten-Sektionaltore zum Nachtabschluss eines dahinterliegenden Anlieferungshofes eingebaut worden. Die Torantriebe waren zum Zeitpunkt der Begutachtung durch den Sachverständigen außer Betrieb, sodass nur eine manuelle Bedienung möglich war. Nachdem mehrere Firmen eine Instandsetzung/Instandhaltung abgelehnt hatten, war ein Sachverständiger mit der Begutachtung beauftragt worden.

Testen Sie die Funktion

Die zwei horizontal verschiebbaren Seiten-Sektionaltoranlagen waren mit je einem seitlich laufenden Linear-E-Antrieb ausgestattet. Beide Anlagen wurden mittels Zeitschaltuhr und Handsender angesteuert. Die Segmente der Torpanzer waren als Rahmenkonstruktionen aus Aluminiumprofilen mit je einem Riegel ausgeführt, wobei die unteren Felder mit Lochblechfüllungen ausgefacht waren.

Der Sachverständige fand folgenden technischen Sachverhalt vor:

Erste Toranlage:

Der Torpanzer bestand aus zehn Segmenten mit einem ergänzenden Koppelelement zum Motor je 450 Millimeter mal 3.880 Millimeter (ohne Bodenschienenführung). Entsprechend des Fluchtplanes lag dieses Tor in einem Fluchtweg und war daher ergänzend durch einen Nottaster zu öffnen. Die kraftübertragende Schienenrolle des Koppelelements war stark verformt.

Zweite Toranlage:

Der Torpanzer bestand aus acht Segmenten je 420 Millimeter mal 3.880 Millimeter (mit Bodenschienenführung), wobei die Führungsrollen aus der Schiene gesprungen waren. Die Drehachse zum ersten Torsegment war verbogen und hatte sich vom Aluminiumrahmen gelöst.

Die Motoren als Impulsantriebe stoppten bei Gegendruck und reversierten den Torpanzer. Beide Antriebe waren über Bowdenzüge entriegelbar und zum Zeitpunkt der Begutachtung entriegelt.

Prüfen Sie die Dokumente genau

Dieses Bild zeigt einen automatischen Garagentorantrieb, der an der Decke einer Garage montiert ist, komplett mit Führungsschiene und Kette.
Die kraftübertragende Schienenrolle des Koppelelements (links über dem Antrieb) ist stark verformt. (Quelle: Kammenhuber)

Eine Betriebs- und Montageanleitung des Antriebes lagen vor. An den Toren waren CE-Plaketten mit Nothandbedienung angebracht. Die Nothandbedienung bezog sich jedoch auf senkrecht laufende und nicht auf horizontal laufende Segmenttore.

Ein Übergabeprotokoll, ein Prüfbuch oder eine EG-Konformitätserklärung lagen nicht vor. Damit war keine Systemprüfung dokumentiert, die eine Konformität von Motorantrieb und Torgewicht/Torgröße zertifiziert hätte. Für den verwendeten Motor lag im Zusammenhang mit dem Fabrikat des Torpanzers lediglich ein Zertifikat einer Ausführung als senkrecht öffnendes Segmenttor in der Größe bis 5.000 Millimeter (Breite) mal 2.250 Millimeter (Höhe) vor. In der Betriebsanleitung des Motors war ein Torgewicht bis 160 Kilogramm mit einer Torbreite bis 5.750 Millimeter und einer Torhöhe bis 2.750 Millimeter zulässig. Die tatsächliche Ausführung wich erheblich vom Zertifikat sowie den Maßgaben der Betriebsanleitung ab.

Achten Sie auf den Systemnachweis

Ohne Konformitätsbescheinigung entsprechend der DIN EN 13241-1:2011-06 Tore; Produktnorm; Teil 1: Produkte ohne Feuer- und Rauchschutzeigenschaften mit Systemnachweis gemäß der Bauproduktenverordnung sind die Tore unzulässig. Da kein Zertifikat über eine Systemprüfung für die ausgeführten Torgrößen zusammen mit den Antrieben vorlag, handelte es sich um Sonderkonstruktionen, die im Sinne einer Nachrüstung von Antrieben geprüft und deren Konformität entsprechend der Maschinenrichtlinie zu erklären war. Unter anderem gehörte dazu eine Messung der Schließkraft nach DIN EN 12453:2017-11 Tore; Nutzungssicherheit kraftbetätigter Tore; Anforderungen und Prüfverfahren. Da die Tore darüber hinaus gewerblich genutzt wurden, war ohne die Nachweise nach Arbeitsstättenrichtlinie ASR A1.7 Türen und Tore eine Inbetriebnahme unzulässig.

Dies war unabhängig von den Angaben des Motorherstellers und des Facility Managements vor Ort, dass die Motoren bei Gegendruck stoppen und reversieren, zu prüfen und zu dokumentieren. Da die Tore mittels Zeitschaltuhr vollautomatisch gesteuert wurden, musste der Antrieb bei Druck auf die Hauptschließkante ausschalten.

Prüfen Sie die Schließkräfte

Blick auf einen beleuchteten Durchgang mit einem geschlossenen Gittertor am späten Nachmittag, eine Person mit Kinderwagen im Hintergrund.
Der Torpanzer des zweiten Tores besteh aus acht Segmenten und das Tor hat eine Bodenschienenführung, wobei die Führungsrollen aus der Schiene gesprungen sind. (Quelle: Kammenhuber)

Die Funktionsfähigkeit und Zulässigkeit der Sicherheitseinrichtung war ohne die Messung der Schließkraft nicht feststellbar. Kontaktleisten an den Hauptschließkanten oder sonstige Sicherheitseinrichtungen waren nicht vorhanden. Damit beruhte die gesamte Torsicherheit auf der Selbstumschaltung der Antriebe, was bei nachgewiesener Funktionsfähigkeit mit Nachweis der Schließkraft vor Umschaltung ausreichend wäre.

Darüber hinaus war die notwendige Fluchtfunktion des straßenseitig rechten Tores zu berücksichtigen. Die ASR A1.7 fordert im Brandfall für Fluchtwege unabhängig von der Stromversorgung entweder eine automatische Öffnung oder alternativ ein nicht ausgeführtes „break out“ als manuelle Öffnung. Ob der Nottaster unter Notstrom läuft und über F90 und daher auch bei Stromausfall funktionsfähig bleibt, war nicht bekannt. Eine brandsichere Montage der Stromversorgung war zumindest nicht erkennbar.

Die aufgrund der notwendigen LKW-Durchfahrtshöhe fehlende untere Schienenführung hatte bei dem betreffenden Tor eine erhebliche Instabilität des Torpanzers zur Folge. Bei der Panzerhöhe von beinahe 4.000 Millimetern war eine zweiseitige Führung notwendig.

Die Aufhängungen beider Tore und die Bodenführung bei dem Tor mit Bodenschiene befinden sich in einem funktionsunfähigen Zustand. Da die Torpanzer nicht verformt oder beschädigt sind, ist eine Beschädigung durch Fahrzeuge eher unwahrscheinlich. Vielmehr ist von einer Überlastung beziehungsweise unzureichenden unteren oder schwergängigen oberen Schienenführung auszugehen

Fazit: Installieren Sie neue Tore

Dieses Bild zeigt eine gebogene Jalousie, die Teil eines Gebäudes ist, neben Gehwegplatten und einer kleinen Rasenfläche.
Die Drehachse zum ersten Torsegment ist verbogen und hat sich vom Aluminiumrahmen gelöst. (Quelle: Kammenhuber)

Für die Tore war entweder nach Prüfung eine Konformitätserklärung zu erstellen, oder sie waren durch neue Tore (zum Beispiel Falttore oder zweiflügelige Drehtore) auszutauschen. Da es sich bei einer Prüfung und Konformitätserklärung dem Sinn nach um ein Inverkehrbringen handelt, war nach der Insolvenz der ursprünglich beauftragten Firma kaum jemand für dieses Verfahren zu finden. Deshalb war eine Neuerstellung der Tore angeraten.

Zusatzinfos

Wo Sie mehr erfahren!

Handwerkerradio: Mehr aktuelle Schadensfälle können Sie im Handwerkerradio (im Internet unter www.handwerker-radio.de) hören. Dort werden regelmäßig unter anderem interessante Schadensfälle aus dem Metallbau besprochen.

Schadensfälle: Eine Reihe von Schadensfällen zum Thema Schweißen ist in den Bänden 1 bis 5 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de.

Fachregelwerk: Wichtige Informationen zum Thema finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik im Kapitel 2.29 Sektionaltore, Deckengliedertore. Weitere Informationen zu den Büchern und zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Kundenservice, E-Mail rudolf-mueller@vuservice.de oder von Montag bis Freitag von 7:30 bis 17 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.

Podcast: Spannung für die Ohren und den Kopf verspricht der M&T Podcast mit einem hörbaren Einblick in zahlreiche Schadensfälle. Verfügbar sind bereits fast fünfzig Fälle auf allen gängigen Podcast-Plattformen wie Anchor, Apple Podcast, Spotify oder Google Podcast.

Baujahr: 2018

Schadensjahr: 2022

zuletzt editiert am 30. August 2024
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