Ein lächelnder Mann mit Brille in einem hellen Raum.
João do Rosario ist seit vielen Jahren bei dem Multitechnologiekonzern 3M in Neuss tätig. Er ist Anwendungsingenieur im Geschäftsbereich Arbeitsschutz und Experte für Persönliche Schutzausrüstung mit Schwerpunkt Gehör-, Augen- und Kopfschutz. Des Weiteren ist er Mitglied in verschiedenen Sachgebieten der DGUV. (Quelle: 3M)

Interviews mit Branchenpartnern 2026-07-02T04:31:54.320Z „Die größte Hürde ist Akzeptanz“

Persönliche Schutzausrüstung (PSA): Moderne PSA bietet optimalen Schutz unter Berücksichtigung der realen Bedingungen. Welche Anforderungen Nutzer haben, wie diese erfüllt werden und wie Betriebe ihre Mitarbeiter schützen, erläutert João do Rosario von 3M im Interview mit M&T.

Welche Entwicklungen prägen aktuell den Markt für moderne persönliche Schutzausrüstung im Handwerk?

Arbeitsschutz wird in vielen Betrieben heute systematischer betrachtet. Auch kleinere Handwerksbetriebe investieren zunehmend in strukturierte PSA-Konzepte statt in Einzellösungen – inklusive Dokumentations- und Unterweisungspflichten.
Eine zentrale Frage lautet: Muss PSA komfortabel sein? Grundsätzlich nein – ihre Kernfunktion ist der Schutz. Allerdings wird unkomfortable PSA erfahrungsgemäß nur widerwillig oder gar nicht getragen. Erwartet wird daher, dass sie schützt, ohne Beweglichkeit, Sicht, Kommunikation und Arbeitstempo unnötig einzuschränken. Weitere Treiber sind modernes Design, geringeres Gewicht, bessere Passform und eine breite Auswahl tätigkeitsspezifischer Lösungen – etwa für Schleifen, Lackieren, Schweißen oder Arbeiten mit Staub und Chemikalien. Wichtig ist dabei die Kombinierbarkeit, etwa Helm mit Kapselgehörschutz und integriertem Visier.
Unternehmen achten verstärkt auf normgerechte Produkte, dokumentierte Schutzwirkung und klare Einsatzgrenzen. Langfristige Belastungen durch Staub, Lärm und Dämpfe rücken stärker in den Fokus – ergänzt um Trainings, Fit-Tests und anwenderfreundliche Einweisungen.

Wie unterscheiden sich moderne PSA-Lösungen konkret von klassischen Produkten wie Helm und Handschuhen?

Moderne PSA wird nicht mehr als Einzelprodukt, sondern als Teil eines ganzheitlichen Schutzkonzepts verstanden. Während klassische PSA eine klar abgegrenzte Basisfunktion erfüllt, ist moderne PSA auf konkrete Arbeitssituationen und reale Belastungen ausgerichtet.
Eingesetzt werden leistungsfähigere Kunststoffe und Textilien, leichtere Materialien, bessere Filtertechnologien, beschlaghemmende Beschichtungen sowie modulare und digitale Komponenten.
Die Spezialisierung ist deutlich höher – etwa für staubintensive Schleifarbeiten, Lackierprozesse oder lärmbelastete Tätigkeiten. Hinzu kommt ein höherer Stellenwert von Tragekomfort und Ergonomie: leichter, besser belüftet, auf lange Tragedauer ausgelegt.
Denn Schutzausrüstung wirkt nur, wenn sie konsequent getragen wird. Auch Langzeitrisiken wie Staub, Dämpfe oder Lärm werden stärker berücksichtigt – beim Gehörschutz etwa durch elektronische Funktionen wie Kommunikation und Umgebungsmikrofone.

Können Sie ein Praxisbeispiel nennen, bei dem innovative PSA die Sicherheit oder Effizienz verbessert hat?

Ein typisches Beispiel sind staubintensive Tätigkeiten wie Schleifen, Trennen oder Sanieren. Mit klassischen Einzelprodukten beschlagen Schutzbrillen, der Atemschutz wird als unbequem empfunden, Komponenten sind nur eingeschränkt kompatibel – die Folge: Bei kurzen Arbeitsschritten wird die PSA nicht konsequent getragen.
Eine moderne Lösung kombiniert komfortablen Atemschutz, kompatiblen Augen- und Gesichtsschutz und abgestimmten Gehörschutz. Aktiver Gehörschutz mit Kommunikationsfunktion erlaubt zudem den Austausch mit Kollegen, ohne ihn ab- und wieder aufzusetzen. Das Ergebnis: konsequenteres Tragen, geringere Exposition und zuverlässige Schutzwirkung über die gesamte Einsatzzeit. Auch die Effizienz steigt – weniger Unterbrechungen durch Verrutschen oder Beschlagen, höhere Konzentration auf die Tätigkeit und langfristig geringere gesundheitliche Belastung.

„Wichtig ist die Vorbildfunktion von Verantwortlichen und Vorgesetzten.“

João do Rosario

Welche Herausforderungen erleben Betriebe bei der Einführung moderner PSA – und wie können diese überwunden werden?

Die größte Hürde ist Akzeptanz. Selbst gute PSA wirkt nicht, wenn sie im Alltag nicht getragen wird. Hilfreich ist, Mitarbeitende früh über Tragetests einzubinden, Rückmeldungen ernst zu nehmen und Komfortvorteile sichtbar zu machen.
Auch die Auswahl ist anspruchsvoller geworden. Kleinere Betriebe haben oft weder Zeit noch Fachwissen, um alle Varianten zu bewerten. Empfehlenswert ist, die Auswahl nach Tätigkeit statt nach Produktkategorie zu treffen und auf die Beratung von Fachhandel oder Hersteller zurückzugreifen.
Der höhere Anschaffungspreis moderner PSA stößt zunächst auf Widerstand. Entscheidend ist der Gesamtnutzen über die Nutzungsdauer – Tragequote, Produktivität und Haltbarkeit. Unverzichtbar sind Schulung und regelmäßige, teils vorgeschriebene Unterweisung, etwa beim Atem- und Gehörschutz. Materialien der Berufsgenossenschaften und der DGUV unterstützen die Sensibilisierung. Ebenso wichtig ist die Vorbildfunktion von Verantwortlichen und Vorgesetzten.

Welche Rolle spielen Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der zukünftigen Entwicklung von PSA?

Smarte PSA ist im Handwerk derzeit kein Standard. Kurzfristig relevanter ist die digitale Verwaltung von Arbeitsschutz, Unterweisung und Ausrüstung. Langfristig gewinnen vernetzte Lösungen an Bedeutung – vor allem in komplexeren oder risikoreicheren Umgebungen, etwa über Sensoren zur Messung von Belastungen oder Umgebungsbedingungen.
Nachhaltigkeit prägt den Markt schon heute: langlebigere Produkte, reduzierter Materialeinsatz, wiederverwendbare und recyclingfähige Systeme sowie nachhaltige Lieferketten. Für viele Betriebe ist das ökologisch wie wirtschaftlich relevant. PSA im Handwerk wird damit künftig nicht nur sicherer und komfortabler, sondern auch digitaler und nachhaltiger.

zuletzt editiert am 03. Juli 2026
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