Treppe mit Treppenlift
Die Tragkonstruktion des Treppenliftes war aus geraden Rohrabschnitten zusammengeschweißt worden. (Quelle: Finke)

Technik

31. August 2022 | Teilen auf:

Schadensfall: Nutzbare Breite beschränkt

(September 2022) Durch die Tragkonstruktion eines nachträglich eingebauten Treppenlifts verringerte sich die nutzbare Treppenlaufbreite deutlich. Der Sachverständige hatte die Aufgabe, einzuschätzen, ob die Beschwerde des Nutzers zulässig war. Lesen Sie, zu welchem Ergebnis er kommt.

Vom Nutzer wurde außerdem bemängelt, dass der Lauf des Treppenliftsitzes ungleichmäßig und in einem Teilabschnitt des Fahrweges holprig sei. Bei der Konstruktion handelte es sich um eine Treppenliftanlage, die in einem zweigeschossigen Eigenheim mit zwei Wohneinheiten eingebaut worden war. Das Obergeschoss wird von einem Ehepaar bewohnt. Ein Ehepartner hatte im fortgeschrittenen Alter ein körperliches Handicap erlitten, so dass für die Person die Bewältigung der Treppenauf- und -abstiegs nur mithilfe eines Treppenliftes möglich war.

Die Originaltreppenkonstruktion verfügte über eine nutzbare Gehbreite von 900 Millimeter. Durch den Einbau der Treppenliftanlage verringerte sich die nutzbare Breite der Treppe. Das war dem Besteller der Anlage durchaus bewusst. Der wandseitige Aufbau der Liftanlage wurde vom Hersteller mit 150 Millimeter angegeben. Dieses Nennmaß wurde auch Vertragsgegenstand. Damit war klar, dass sich die nutzbare Treppenbreite auf 750 Millimeter verringern würde.

Die Landesbauordnung von Nordrhein-Westfalen in dem das Objekt lag, fordert bei notwendigen Treppen bei dieser Art von Gebäuden für Treppenläufe und Treppenabsätze eine klar definierte nutzbare Breite, damit sie imstande sind, den größten zu erwartenden Verkehr aufzunehmen. Das Maß ist dafür aus der DIN 18065 zu entnehmen. In dem Regelwerk ist für diese Gebäude ein Mindestwert für die nutzbare Treppenbreite von 800 Millimeter ausgewiesen.

In besonderen Fällen, wenn zum Beispiel eine Konstruktion der Barrierefreiheit für Menschen mit einer Behinderung als Wohnraumnutzer entgegensteht, können nach Landesbaurecht an einer solchen Anlage im Einzelfall Erleichterungsmaßnahmen gestattet werden. Das war in diesem Fall geschehen.

Vermeiden Sie eine Abweichung vom Sollmaß

Abstandsmaß zwischen Tragekonstruktion und Wand
Die nutzbare Treppenlaufbreite war durch die Konstruktion teilweise um bis zu 200 Millimeter eingeschränkt – mehr als vertraglich vereinbart. (Quelle: Finke)

Nach der Montage der Anlage war jedoch in Teilabschnitten tatsächlich eine nutzbare Treppenbreite von lediglich 700 Millimeter vorhanden. Die Abweichung vom Sollmaß betrug fünfzig Millimeter. Die Nutzungsmöglichkeit und der Nutzungskomfort der Treppe war dadurch merklich, über das nötige Maß hinaus, eingeschränkt.

Die Ursache dafür lag in der Fertigungsart der Tragkonstruktion. Die wurde hergestellt, indem gerade Rohrabschnitte in der Linienführung lediglich ähnlich dem Treppenverlauf miteinander verschweißt wurden und als komplette Konstruktion fest montiert wurden. Durch die gewählte Herstellungsart und die Linienführung konnte kein gleichmäßiges Abstandsmaß zur Wand und zur Treppenlauflinie erreicht werden. Ein gleichmäßiger Linienverlauf kann dabei nur erreicht werden, wenn die tragenden Hohlprofile üblicherweise gebogen werden und durch ein oder zwei Montagestöße miteinander verschweißt werden.

Beauftragen Sie einen Dienstleister

Zahnstange des Treppenliftes
Durch eine ungenaue Fertigung und Montage kam es an einem Stoß der Zahnstange zu einer ungleichmäßigen Zahnteilung. (Quelle: Finke)

Wenn ein Hersteller nicht über die nötige technische Einrichtung verfügt, um das beschriebene Fertigungsverfahren einzusetzen, sollte er die Biegearbeiten von einem Dienstleister ausführen lassen. Eine wirtschaftliche Herstellung der Tragkonstruktion wäre auch dann noch gegeben.

Der Grund für die vom Nutzer als ungleichmäßig wahrgenommenen Fahrten mit dem Lift ist ebenfalls die falsche Herstellungsmethode der Tragkonstruktion. Mit gleichmäßig gebogenen Tragrohren wäre auch ein gleichmäßiges Fahrgefühl gegeben.

Der Nutzer der Anlage rügte weiterhin, dass in einem Teilabschnitt der Strecke die Fahrt „holprig“ verläuft, so dass sich an dieser Stelle ein Angstgefühl einstellen würde und damit die Gebrauchstauglichkeit eingeschränkt sei.

Montieren Sie korrekt

Auch diese Beanstandung hatte ihre Berechtigung. Die Ursache der Unregelmäßigkeit war ein Montagefehler. Im Verlauf der Anlage wurde die Zahnstange durch einen Montagestoß verlängert. Durch Ungenauigkeiten beim Zuschnitt stimmten an den Stößen die Abstände der Zähne nicht überein. Außerdem war durch eine ungenaue Positionierung der beiden Zahnstangenabschnitte die Zahnteilung nicht richtig. Die Zahnteilung an dieser Stelle wich um 0,4 Millimeter vom Sollwert ab. Das Zahnrad, Bestandteil des Liftsitzes, griff an dieser Stelle nicht formschlüssig in die Zähne der Zahnstange und der Sitz „holperte“.

Fazit: Bauen Sie regelgerecht

Die vom Nutzer der Anlage gerügten Unregelmäßigkeiten waren nach Meinung des Sachverständigen nicht hinnehmbar. Die Gebrauchstauglichkeit der Anlage war beeinträchtigt. Die nutzbare Breite der Treppe war über das erforderliche Maß hinaus reduziert worden. Die Trag- und Führungselemente einschließlich der Zahnstange mussten in diesem Fall entsprechend dem allgemein anerkannten Stand der Technik erneuert werden.

Wo Sie mehr erfahren

Handwerkerradio: Mehr aktuelle Schadensfälle können Sie im Handwerkerradio (im Internet unter www.handwerker-radio.de) hören. In der Sendung „M&T Metall-produktiv“ werden jeden Dienstag von 14:00 bis 15:00 Uhr und Freitag von 11:00 bis 12:00 Uhr unter anderem interessante Schadensfälle aus dem Metallbau besprochen.

Schadensfälle: Eine Reihe von Schadensfällen zum Thema Treppen und Geländer ist in den Bänden 1 bis 5 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de.

Fachregelwerk: Wichtige Informationen zum Thema finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik in den Kapiteln 2.35 Gebäudetreppen und 2.38 Geländer und Umwehrungen, Brüstungen, Handläufe. Weitere Informationen zu den Büchern und zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Kundenservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder von Mo-Fr von 7:30 bis 17 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.

Podcast: Spannung für die Ohren und den Kopf verspricht der M&T Podcast mit einem hörbaren Einblick in zahlreiche Schadensfälle. Verfügbar sind bereits mehr als dreißig Fälle auf allen gängigen Podcast-Plattformen wie Anchor, Apple Podcast, Spotify oder Google Podcast.

Baujahr/Schadensjahr: 2019

Das sollten Sie beachten

  • Sonderbauten in Gebäuden sollten, sofern ein Abweichen von den allgemein üblichen Regeln erforderlich ist, mit der Bauaufsichtsbehörde besprochen werden.
  • Der Versicherer sollte über genehmigte Veränderungen informiert sein.
  • Die Veränderungen am Bau dürfen sich lediglich im dafür nötigen Rahmen bewegen.

Lesetipp

Lernen Sie aus Schäden an Treppen und Geländern!

Norbert Finke ist Mitautor des im April 2022 erschienen fünften Bandes der Buchreihe „Schäden im Metallbau. Ursachen – Bewertung – Vermeidung“. Diesmal kommen die hundert neuen Schadensfälle der 22 Autoren (Sachverständige, Gutachter und Anwendungstechniker) aus dem metallbautypischen Bereich der Treppen und Geländer.

Weitere Informationen sowie Bestellmöglichkeiten unter www.baufachmedien.de/schaeden.

zuletzt editiert am 29.09.2022