Norbert Finke in Interviewsituation
„Jede Treppe und jedes Geländer ist quasi eine Erstprüfung für sich“, weiß der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige Norbert Finke aus Hille. (Quelle: Finke)

Interviews mit Branchenpartnern

01. July 2022 | Teilen auf:

Schäden: Es besteht Optimierungsbedarf

(Juli 2022) Im Mittelpunkt des fünften Schadensfallbandes aus dem Coleman-Verlag stehen Treppen und Geländer. Einer der Mitautoren, der ö.b.u.v. Sachverständige Norbert Finke, erklärt, warum diese Produkte des Metallbaus besonders fehleranfällig sind und wie sich diese Fehler vermeiden lassen.

Beschäftigen sich viele Ihrer Gutachten mit dem Bereich der Treppen und Geländer?

Mein persönliches Betätigungsfeld umfasst das gesamte Gebiet des Metallbaus, des Stahlbaus und des Maschinenbaus. Der Auftragsanteil bezogen auf den Treppen- und Geländerbau und dessen Montage beträgt dabei etwa dreißig Prozent. Die verteilen sich auf Gerichtsgutachten und Privatgutachten gleichermaßen. In Anbetracht der erheblichen Anzahl an Einzelgewerken, die der Metallbau beinhaltet, ist dieser Anteil natürlich zu hoch. Er erklärt sich jedoch durch die Individualität dieser Bauprodukte. Eine durch eine Produktnorm geforderte Erstprüfung auf dessen Basis dann vergleichbare Elemente in Serie hergestellt werden, wie es bei Türen und Toren der Fall ist, gibt es für Treppen und Geländer praktisch nicht. Jede Treppe und jedes Geländer ist quasi eine Erstprüfung für sich. Mit dem Unterschied, dass bei der Herstellung und Montage festgestellte, eigentlich erforderliche Änderungen häufig nicht korrigiert werden können. Der hohe Anteil an gerügten Unregelmäßigkeiten zeigt, dass bei dem einen oder anderen Betrieb auf diesem Gebiet noch Optimierungsbedarf besteht.

Warum wird dabei so viel verkehrt gemacht?

Da sind zum einen die verschiedenen Regelwerke zu nennen, die bei der Herstellung und Montage von Treppen und Geländer zu beachten sind. Der Bestimmungsort mit seinen verschiedenen sicherheitsrelevanten Ansprüchen an diese Bauprodukte in Bezug auf Geometrien und Lastannahmen muss regelkonform bedient werden, um den Sicherheitsaspekten des jeweiligen Einsatzbereiches zu genügen. Die verschiedenen zu verarbeitenden Werkstoffe und deren Kombination untereinander sind eine handwerkliche Herausforderung. Neben den verschiedenen Metallen sind an dieser Stelle auch zum Beispiel Glas, Holz und verschiedene Verbundstoffe zu nennen. Außerdem gilt es, im Vergleich zu vielen anderen Bauprodukten, verschiedene Herstellungsverfahren möglichst fehlerfrei zu beherrschen. Neben den verschiedenen Schweißverfahren sind ortsangepasste Montagearten für das Personal eine anspruchsvolle Herausforderung. In der Planungsphase eines Gebäudes wird häufig nicht bedacht, dass zum Beispiel Fassadenbekleidungen aus einem WDVS (Wärmedämmverbundsystem) und, allgemein eine Leichtbauweise mit zum Beispiel Porenbetonsteinen, ohne besondere Vorkehrungen über keine dauerhaft sicheren Anschlusspunkte für das Anbringen von Treppen und Geländer bieten. An der Stelle ist der Metallbauer dann häufig das letzte Glied in der Kette und es obliegt häufig ihm dieses „unlösbare“ Problem dennoch fachgerecht zu lösen.

Welches sind die häufigsten Fehler, die gemacht werden?

Also, die Standfestigkeit und insbesondere die Befestigung am Gebäude bieten gelegentlich Anlass zu einer Rüge. Treppenanlagen und Absturzsicherungen werden häufig gar nicht oder nur zum Teil bemessen. Die Herstellung erfolgt dann nach „Erfahrungswerten“. Unterdimensionierte Profilquerschnitte, für den Einsatzfall nicht geeignete Dübel und Materialkombinationen, die zu Korrosion führen, sind als Fehlerquelle hervorzuheben. Überhaupt ist die Korrosion bei der Verwendung aller metallischen Werkstoffe wie Stahl, nichtrostendem Stahl und Aluminium ein Thema. Werden zum Beispiel lasergeschnittene Bleche in die Konstruktion eingebunden, wird häufig vernachlässigt, nachweislich einen Werkstoff zu verwenden, der uneingeschränkt zum Feuerverzinken geeignet ist, beziehungsweise die erforderliche Zinkschichtdicke bildet. Farbbeschichtungen und Edelstahloberflächen bieten oft Anlass für eine Prüfung. Die Geometrien der Treppen- und Geländerelemente werden häufig beanstandet. Die Geländerhöhen falsch ausgelegt. Unkorrekte Lastannahmen zu Grunde gelegt. Objekte für Arbeitsstätten werden entsprechend einer Gefährdungsbeurteilung konstruiert. Sicherheitsaspekte, die daraus hervorgehen, müssen dem Hersteller erklärt werden, beziehungsweise von ihm abgefragt werden. m Tagesgeschäft kommt es leider häufig vor, dass diese Punkte erst bei Abnahme und Fertigstellung angesprochen werden.

Wie können diese Fehler am besten vermieden werden?

Generell ist immer wieder festzustellen, welche besonders hohe Qualität qualifizierte Metallbauer in der Lage sind herzustellen! Und das auf einem so vielfältigen Gebiet, mit all seinen verschiedenen Werkstoffen und Arbeitsverfahren, wie dem Metallbau. Durch eine gut organisierte Auftragsvorbereitung und Abwicklung gepaart mit dem Einsatz des passenden geschulten Personals können bereits viele Fehler vermieden werden.

Welche Tipps können Sie einem Metallbauer geben, damit seine Treppen und Geländer regelgerecht sind?

Im Rahmen der technischen Betriebsberatung ist genau das häufig ein Thema, das dem Betriebsinhaber am Herzen liegt: „Welche Möglichkeiten habe ich, um die Auftragsabläufe zu verbessern und finanzielle Einbußen und Reputationsverluste zu minimieren?“ Ich empfehle bei dieser Fragestellung gerne, noch detaillierter als in der WPK vorgesehen, einen Leitfaden in Form von zum Beispiel Checklisten zu erarbeiten. Gerade weil das Gebiet des Treppen- und Geländerbaus mit seiner Vielfältigkeit so viele Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Es handelt sich nun mal um Elemente, die einen hohen Sicherheitsstandard erfüllen müssen. Jeder Einsatzort einer Treppe oder eines Geländers fordert die Ausführung nach einem spezifischen Regelwerk. Die Übersicht für alle Individualitäten immer im Blick zu haben, ist ohne Hilfsmittel in der Planungsphase und bei der Auftragsabwicklung eigentlich nur mit sehr viel Routine möglich. Dabei fängt die Auftragsabwicklung bereits mit der detaillierten Vertragsprüfung an! Ich unterstütze seit Jahren Betriebe bei der Umsetzung. Zunächst macht es zwar Mühe, Checklisten als Hilfsmittel zu formulieren. Sind sie allerdings erst einmal erstellt, bringen sie schnell deutliche Vorteile im Tagesgeschäft.

„Der Metallbauer muss häufig als letztes Glied in der Kette 'unlösbare' Probleme dennoch fachgerecht lösen.“

ö.b.u.v. Sachverständiger Norbert Finke

Wo Sie mehr erfahren

Schadensfälle: Eine Reihe von Schadensfällen zum Thema „Treppen und Geländer“ ist in den Bänden 1 bis 4 „Schäden im Metallbau“ aus dem Coleman-Verlag enthalten. Der neue Band 5, der im April erschienen ist, widmet sich komplett dem Bereich der Treppen und Geländer. Recherchieren können Sie auch auf der Schadens-Homepage www.schaeden-im-metallbau.de.

Fachregelwerk: Wichtige Informationen zum Thema finden Sie im Fachregelwerk Metallbauerhandwerk – Konstruktionstechnik in den Kapiteln 2.35 Gebäudetreppen und 2.38 Geländer und Umwehrungen, Handläufe. Weitere Informationen zu den Büchern und zum Fachregelwerk erhalten Sie beim M&T-Kundenservice, E-Mail: coleman@vuservice.de oder Mo.-Fr. von 7:30 bis 17:00 Uhr per Telefon unter 06123 9238 274.

Viele Definitionen von Begriffen des Metallbaus finden Sie unter www.mt-metallhandwerk.de/Lexikon.

zuletzt editiert am 01.07.2022