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Diese Systemtreppe, die dilettantisch im Untergrund befestigt wurde und nach kurzer Benutzungszeit in der Lauflinie mehrere Zentimeter durchhing, war Gegenstand eines Streitfalles.

Schadensfälle

01. March 2021 | Teilen auf:

Treppen: Für den Gebrauch tauglich

(März 2021) Auch im Privatbereich müssen Treppen gebrauchstauglich sein. Was sich dahinter verbirgt und was in diesem Zusammenhang alles verkehrt gemacht werden kann, haben wir den ö.b.u.v. Sachverständigen German Sternberger aus Leimen gefragt.

Was versteht man unter Gebrauchstauglichkeit?
Das ist eine komplexe Frage. Das Wort „Gebrauchstauglichkeit“ ist in diesem Sinne ein Begriff aus dem Bauwesen. Genauer gesagt wird die Gebrauchstauglichkeit im Rahmen der statischen Vorbemessung behandelt und beschreibt dabei die Funktionsfähigkeit einer baulichen Anlage. Das heißt im Klartext, dass in den statischen Berechnungen, neben dem Nachweis der Tragfähigkeit auch auf den Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit einer baulichen Anlage eingegangen werden soll. Im Einzelnen sind das zum Beispiel Verformungen der Konstruktion unter Belastung, die das Erscheinungsbild beeinträchtigen können oder auch Schwingungen der Anlage bei Benutzung, die Unbehagen hervorrufen können.

Ist „gebrauchstauglich“ gleich „regelgerecht“?
Die Eigenschaft „Gebrauchstauglichkeit“ ist ein Bestandteil einer regelkonform hergestellten Anlage. Insofern braucht es zur regelgerechten Konstruktion neben der Gebrauchstauglichkeit weitere Attribute, wie die Tragfähigkeit oder auch das Einhalten von Toleranzen.

Warum müssen Treppen unbedingt gebrauchstauglich sein?
Die Tragfähigkeit von Treppen ist die eine Seite. Daneben steht die Funktion, die Begehbarkeit. Manche Treppenkonstruktionen neigen zum Beispiel aufgrund ihrer Bauart zu Schwingungen beim Begehen. Das kann zu Unbehagen und Unzufriedenheit führen. Aus diesem Grund ist das Schwingungspotenzial zu begrenzen. Aber auch viele andere Merkmale müssen berücksichtigt werden. Diese sind je nach Anforderungen zum Beispiel Trittschall oder Rutschhemmung an den Stufenkanten. Und letztendlich gehören zu Treppen auch Geländer, die gleichfalls gebrauchstauglich sein müssen.

Warum ist das auch für Treppen im Privatbereich so wichtig?

„Die Schnittstelle Treppenkonstruktion zum Befestigungsuntergrund birgt ein großes Risiko- und Streitpotenzial“, weiß German Sternberger, ö.b.u.v. Sachverständiger. Fotos: Sternberger


Das ist kein einfaches Thema und ich will auch nicht pauschalisieren. Fakt ist aber, dass Treppen häufig Anlass zur Reklamation bieten. Und nicht selten dreht es sich um Punkte, die die Gebrauchstauglichkeit betreffen. Es zeigt sich dabei oft, dass es zwischen dem Auftraggeber und dem Metallbauern zu Missverständnissen kommen kann. Die Vorstellungen des Kunden unterscheiden sich dann von dem, was gebaut wird oder was gebaut werden kann. Private Auftraggeber sind meist Laien. Dabei ist großes Beratungsgeschick gefragt, auch zweitrangige Punkte, außerhalb von Treppenform, Geländer und Stufenbelag, anschaulich zu machen und zu vermitteln.

Wo gibt es die meisten Probleme, welche Fehler werden immer wieder gemacht?
Ich lasse jetzt mal optische Unregelmäßigkeiten an Oberflächen außen vor, die auch einen großen Teil der Probleme begründen. In der Vielzahl meiner Fälle zu Treppenkon­struktionen existiert entweder gar keine oder eine falsche beziehungsweise unzureichende Statik. Oft findet der Nachweis der Gebrauchstauglichkeit keine Beachtung. An der Stelle muss erwähnt werden, dass Treppen nach den Landesbauordnungen stand- und verkehrssicher hergestellt werden müssen. In Streitfällen finden sich dann die Themen Schwingungen der Treppe, Befestigungstechnik, Trittschall etc. wieder.

Wie lassen sich die Fehler vermeiden?
Aus meiner Sicht ist die Kundenberatung ein entscheidender Faktor. Der Kunde ist im Normalfall wie schon erwähnt ein Laie. Daher ist es von Vorteil, wenn man nachweisen kann, dass alle relevanten Sachverhalte besprochen wurden.

Ist man mit Systemtreppen auf der sicheren Seite?
Das kommt auf die Umstände an. Zunächst ist Treppenbau nichts für „homemade“. Systemtreppen müssen eine Zulassung für einen bestimmten Anwendungsbereich haben, sowie eine Typenstatik besitzen. Innerhalb dieses Anwendungsbereiches spricht nichts dagegen, wenn man sich konsequent an die Montagerichtlinien hält. Wichtig ist zudem, dass der oder die Monteure fundierte Kenntnisse in der Befestigungstechnik besitzen. Die Schnittstelle Treppenkonstruktion zum Befestigungsuntergrund birgt ein großes Risiko- und Streitpotenzial.

Auf dem Foto ist deutlich die ungenügende Befestigung zu erkennen, die unter anderem zu der mangelhaften Gebrauchstauglichkeit geführt hat.

Gibt es in Ihrer Sachverständigentätigkeit viele Beispiele aus diesem Bereich?
Ja, das schon. Nachfolgend einfach mal zwei Streitfälle: So gab es zum Beispiel einen vehement geführten Rechtsstreit über die gewünschte nachträgliche Entfernung von zwei Querstreben zwischen den Stahlwangen einer Glasstufentreppe. Die Querstreben kontrollieren aber gerade das Schwingungspotenzial der Treppe. Wichtig wäre die Information zu den Querstreben im Vorfeld gewesen.
Ein weiteres Beispiel ist eine Systemtreppe, die dilettantisch im Untergrund befestigt wurde und nach kurzer Benutzungszeit in der Lauflinie mehrere Zentimeter durchhing. Diese Beschwerde war natürlich berechtigt. Oft sind es aber auch die Auftraggeber, die ihre hohen Anforderungen nicht im Vorfeld anzeigen.

Welchen Tipp können Sie dem Metallhandwerker noch mit auf den Weg geben?
Ganz einfach und interessant obendrein. Wir können alle aus den veröffentlichten Schadensfällen lernen. Der mittlerweile große Fundus zeigt die vielfältigsten Fallstricke, auch in versteckten Details, die einen erwarten können. Jeder unterbundene Schadensfall ist doch auch ein Gewinn.

German Sternberger, ö.b.u.v. Sachverständiger

Schadensfall-Datenbank

Weitere Schadensfälle finden Sie in der Schadensfall-Datenbank: www.scheaden-im-metallbau.de.