„Die Zukunftsfähigkeit meines Unternehmens liegt im Umstellen aller Prozesse und Produkte auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise“, sagt Zinq-CEO Lars Baumgürtel. (Quelle: M&T)

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20. June 2022 | Teilen auf:

„Wir bereiten die Umstellung auf grünen Wasserstoff vor“

Feuerverzinken: Die deutschen Zulieferer müssen mit dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld zurechtkommen. Lesen Sie, wie Lars Baumgürtel als Chef von Zinq die Balance aus Krisenwirtschaft und dem Umsetzen von Ansprüchen an Nachhaltigkeit verwirklicht.

„Das Potential von Zinkoberflächen zu heben, hat sich bei mir zu einer wahren Leidenschaft entwickelt, die ich mit der gesamten „ZINQ-Familie“ teile.“
„Zirkuläre Geschäftsmodelle sind wichtig, weil mit der Umstellung auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise „automatisch“ vierzig Prozent der globalen CO2-Emissionen eingespart werden - das ist der größte Hebel für Klimaschutz!“

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf Ihr Geschäft?

Wir setzen als energieintensives Unternehmen viel Erdgas für die Prozesswärme ein, haben deshalb ein wachsames Auge auf die Gasversorgung und stehen in fortwährendem Austausch mit unserem Energieversorger. Ziel ist, unsere Kunden jederzeit bedienen zu können, wie wir dies auch während der Covid-Pandemie geschafft haben.

Wie schätzen Sie die Marktentwicklung in Deutschland im laufenden Jahr ein?

Vieles wird von der Energie- und Rohstoffsituation abhängen. Im Bereich der Versorgung mit Öl und Gas und der Preisentwicklung gibt es Risiken, die sich schwer einschätzen lassen und auf die wir uns vorbereiten müssen. Ebenso ist die Liefersituation bei Stahl nicht ausreichend stabil und insgesamt begrenzen Lieferkettenprobleme das Wachstum unserer Wirtschaft.  
Andererseits wächst der Transformationsdruck im Bereich Energie und Rohstoffe weiter und das ist langfristig positiv: Wir werden von Innovationen und der Umstellung von Lieferketten profitieren. Gemeinsam mit der Politik werden wir die Energieversorgung technologieoffen auf eine breitere Basis stellen. Am Standort Gelsenkirchen sind wir Teil des „Klimahafens“ – ein Zusammenschluss von Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Wir starten 2023 mit dem Projekt „Power2ZINQ“, in dem wir Erdgas durch ein wasserstoffreiches Energiegas ersetzen. Damit bereiten wir die Umstellung auf grünen Wasserstoff vor.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich Nachhaltigkeit?

Als Familienunternehmer trage ich eine persönliche und unmittelbare Verantwortung, daher ist unternehmerisches Engagement für Nachhaltigkeit so wichtig. Es geht um Haltung und Verantwortung – auch im Sinne von Generationengerechtigkeit. Unser Produktionsprozess ist energie- und rohstoffintensiv, aber wir produzieren damit extremlanglebige Oberflächen in zirkulärer Qualität, die alle denkbaren Stahlanwendungen vor Korrosion schützen. Die Zukunftsfähigkeit meines Unternehmens liegt im Umstellen aller Prozesse und Produkte auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise.
Zirkuläre Geschäftsmodelle sind wichtig, weil mit der Umstellung auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise „automatisch“ vierzig Prozent der globalen CO2-Emissionen eingespart werden – das ist der größte Hebel für Klimaschutz! Allerdings sind derzeit erst neun Prozent der Weltwirtschaft zirkulär. Das ist nicht akzeptabel und deshalb bringen wir nur Oberflächen in den Markt, die zirkulär sind. Innovationen und Nachhaltigkeit gehen bei Zinq Hand in Hand.

Warum ist Metall ein nachhaltiger Baustoff?

Metalle sind echte Recycler. Schrott ist das älteste Beispiel für Recycling. Metall kann beliebig oft ohne nennenswerte Verluste eingeschmolzen und neu verarbeitet werden. Die Recyclingquoten von Metallen sind im Vergleich zu anderen Werkstoffen sehr hoch. Mit feuerverzinktem Stahl lassen sich die Prinzipien des Ökodesigns ideal umsetzen – modulare Konstruktion mit sortenreinen Werkstoffen und Wiederverwertung in zirkulärer Qualität.
Aber: Wer weiß denn schon, dass mit „duroZINQ“ geschützter Stahl genauso viel CO2 dauerhaft speichert wie eine Buche im Wald (gerechnet pro Jahr und in der Gewichtseinheit Tonne)?  
Zum Vergleich: Holz wird bei Planern und Architekten oftmals als nachhaltiger Baustoff gesehen. Nun ist der Baum im Wald aber etwas anderes als der industriell genutzte Werkstoff Holz. Holz wird überwiegend in hybride Werkstoffe umgewandelt oder mit Chemikalien versetzt, die eine Kreislaufführung unmöglich machen. Industrieholz wird am Nutzungsende über die Altholzverordnung „thermisch entsorgt“. Im Grunde genommen geht Nachhaltigkeit sehr einfach: Der Baum bleibt im Wald, verzinkter Stahl geht in die Bauwirtschaft. Leider führen die Eigenschaften und Potenziale nicht automatisch zu einem höheren Marktanteil von Metallen. Wenn sich Preise nicht nur an den Produktionskosten, sondern auch an den Kosten des ökologischen Fußabdrucks orientieren würden, dann wäre unsere Welt viel metallischer. Aus diesem Grund machen wir mit unseren Cradle-to-cradle-zertifizierten Oberflächen die Zirkularität messbar und hoffen, dass dies zukünftig die Preissetzung und damit die Kaufentscheidungen beeinflussen kann.

Wie kann die Metallbranche noch erfolgreicher darin werden, ein positives Image Ihres Werkstoffs zu vermarkten?

Gemeinsam müssen wir den Ansatz, dass Metalle echte Klimaschützer sind, immer und immer wieder kommunizieren. Und zwar an alle, die über die Wahl eines Werkstoffes entscheiden: Planer, Ingenieure, Architekten, Investoren, Banken, Politiker und viele weitere Organisationen und Institutionen aus dem Nicht-Regierungsbereich, aber auch aus dem Bereich der Standards wie dem DIN.  Das gilt auch für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – egal ob Azubi oder Geschäftsführung: Wir müssen alle stolz darauf machen, dass sie Teil der Metallfamilie sind und damit mithelfen, die Welt schrittweise zirkulärer zu machen.

Was sind derzeit die besonderen Aktivitäten von Zinq mit Bezug auf Unternehmen aus der Metallhandwerksbranche?

Die „ZINQ-Manufaktur“ hält für das Metallhandwerk Kommunikations- und Schulungsangebote insbesondere im Bereich der zirkulären Oberflächentechnik vor. Dazu gehört die Wissensvermittlung zu unseren innovativen Produkten, wie unsere schichtdickenoptimierten Stückverzinkungsoberflächen oder auch Duplexsysteme wie „colorZINQ“ und „decoZINQ“. Ergänzend informieren wir das Metallhandwerk über den Nutzen von Nachhaltigkeit, Zirkularität, Cradle-to-cradle. Dazu bauen wir für die Manufaktur einen digitalen Schulungskanal auf, in dem auch online auf das metallverarbeitende Handwerk zugeschnittene Inhalte zur Verfügung gestellt werden.

Welche neuen Angebote werden Sie auf Grundlage Ihrer Erkenntnisse für den Metallbauer entwickeln?

Unsere Zielstellung lautet: Zirkuläre Produkte mit einer hohen Effizienz und Effektivität anbieten, dabei kann der Weg nur von der Effizienz im Prozess über effiziente Oberflächen (Stichwort: Weniger ist Mehr) zu effektiven Prozessen und Produkten führen. Und speziell für das metallverarbeitende Handwerk werden wir auch unser Angebot an Add-on-Produkten immer weiterentwickeln. „ZINQ free“ und „ZINQ fix“ zum Vorbereiten und Nacharbeiten von Bauteilen gehören dabei genauso dazu wie das „ZINQ clean“, ein sehr hochwirksamer Zink- und Edelstahlreiniger, mit dem jedes Bauteil glänzen kann.
Eine wesentliche Rolle spielt der regelmäßige Austausch mit dem Metallhandwerk. Wir bekommen immer wieder Feedback einzelner Kunden aus dem Metallhandwerk, das wir dann in unsere Überlegungen einfließen lassen. Aufgrund der hohen Nachfrage fahren wir derzeit auch unsere Dialog-Formate in Präsenz wie das After-Work-Treffen wieder hoch.

Wie wird der Metallbauer bei der Entwicklung dieser neuen Produkte und Services noch einbezogen?

Unser Angebot in der Zinq-Manufaktur spiegelt die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Metallbau-Kunden. Ein Beispiel: Unsere „ZINQ Alu-Stopfen“ haben nur deshalb den Weg in unser Add-on-Portfolio gefunden, weil über das Metallhandwerk der Wunsch vieler Endkunden an uns herangetragen wurde, dass Bohrungen, die etwa zum Entlüften für den Tauchprozess notwendig sind, bitte nicht zu sehen sein sollen.

Welche Tätigkeiten üben Sie in Ihrem Unternehmen am liebsten aus?

Am meisten Spaß macht der direkte Austausch mit Kunden und Mitarbeitern darüber, wie wir Zukunft gemeinsam gestalten und wie wir unseren Anspruch, jederzeit zum Erfolg unserer Kunden beizutragen, erfüllen können. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf Innovationen und Nachhaltigkeit, die untrennbar und sogar buchstäblich Kern der Marke "ZINQ" sind. Das Potenzial von Zinkoberflächen zu heben, hat sich bei mir zu einer wahren Leidenschaft entwickelt, die ich mit der gesamten Zinq-Familie teile. Und wir hören erst auf, wenn das Grundgesetz für Stahl erfüllt ist: Jeder Stahl hat das Recht auf Zinq.

Lars Baumgürtel und "ZINQ"

Seit mehr als 130 Jahren spezialisiert auf Feuerverzinken und Beschichten von Stahl, verarbeitet das Familienunternehmen "ZINQ" heute jährlich über 650.000 Tonnen Stahlprodukte in fünf europäischen Ländern. Bei dem Oberflächenspezialisten hat das metallverarbeitende Handwerk ein eigenes Zuhause: die „ZINQ-Manufaktur“. Dort finden Kunden aus dem metallverarbeitenden Bereich neben Oberflächen ein speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Rundum-Sorglos-Paket aus Beratung und Wissensvermittlung, Logistikleistungen wie dem Abholservice "depotmobil" oder Add-on-Produkte, die das Leben des Metallhandwerkers einfacher machen.

Lars Baumgürtel ist seit 1992 geschäftsführend bei "ZINQ" tätig, 1998 wurde er geschäftsführender Gesellschafter, seit 2008 ist er alleiniger Gesellschafter des Familienunternehmens in vierter Generation.

zuletzt editiert am 01.07.2022