Zulieferindustrie: Die derzeit angespannten konjunkturellen Bedingungen gelten auch für die Zulieferer des Metallhandwerks. Als Executive Vice President der Würth Group erläutert Thomas Klenk im Interview mit John Siehoff, wie sich sein Unternehmen auf die kommenden Jahre einstellt und mit welchen Mitteln und Maßnahmen es den Nutzen für die Kunden sowie die eigene Effizienz steigern wird.

Herr Klenk, inwieweit beeinflussen weltwirtschaftliche Faktoren derzeit die Geschäfte von Würth?
Wir bewegen uns in einem global schwächeren Konjunkturumfeld. Die Nachfrage in wichtigen Industrieregionen entwickelt sich verhaltener. Gleichzeitig belasten geopolitische Spannungen sowie die zunehmende Regulatorik den internationalen Warenfluss. Für uns als global aufgestelltes Unternehmen bedeutet das: höhere Unsicherheiten in Planung, Beschaffung und Logistik. Hinzu kommen Faktoren wie Wechselkursvolatilität und Energiepreise, die wir sehr genau beobachten.
Trotz dieser anspruchsvollen Lage haben wir frühzeitig die Weichen gestellt und begegnen der Situation mit klaren Prioritäten: resilientere Lieferketten, diversifizierte Beschaffung und ein konsequenter Fokus auf Effizienz. So stellen wir sicher, dass wir selbst in einem schwierigen Umfeld verlässlich für unsere Kunden da sind. Besonders wichtig ist uns dabei die Stärkung des Produktionsstandorts Deutschland. Wir setzen verstärkt auf regionale Fertigung, eine höhere Wertschöpfungstiefe und kürzere Transportwege. Dies erhöht die Versorgungssicherheit und macht uns insgesamt unabhängiger von globalen Störungen.
Können Sie Ihre letzte Aussage konkretisieren? Wie verhält sich Würth angesichts der aktuellen Situation im Baubereich? Gibt es gezielte Maßnahmen zur Kostendisziplin, Anpassungen im Außendienst oder Veränderungen im Sortiment?
Wir sehen natürlich, dass Unternehmen in unserem Umfeld unter Druck stehen und teilweise die Personalsituation anpassen. Wir haben hier eine klare Haltung – das ist Teil unserer Unternehmenskultur: Unsere Mitarbeitenden sind unser wertvollstes Gut. Insofern sehen wir im Management außer einem vorübergehenden Einstellungsstopp keinen akuten Handlungsbedarf. Stattdessen treiben wir im Unternehmen technologische Prozesse voran, die dazu beitragen, unsere Organisation zu straffen. Ziel ist es, die verschiedenen Unternehmensbereiche besser zu vernetzen und ein effizienteres Arbeiten zu ermöglichen.
Mit unseren Produkten, Systemen und Dienstleistungen erwirtschaften wir unser Geld. Mit dem Reinhold Würth Innovationszentrum Curio haben wir einen Ort geschaffen, an dem wir – erlauben Sie mir meine Begeisterung – Zukunft gestalten! Im Curio bündeln wir technisches Know-how aus unseren Produktionen und arbeiten eng mit technischen Universitäten sowie Forschungseinrichtungen bundesweit zusammen. Übrigens ist Künstliche Intelligenz (KI) längst Teil unseres Alltags – nicht nur im Innovationszentrum.
Ein interessanter Aspekt. Welche Rolle spielt KI heute bei Würth?
Wir sind Teil des Innovationsparks Künstliche Intelligenz (IPAI) in Heilbronn – Europas größtem KI-Ökosystem. Dort haben wir ein eigenes Co-Working Office bezogen, um gemeinsam mit Partnern an innovativen KI-Lösungen zu arbeiten.
Künstliche Intelligenz soll Prozesse optimieren und den Service für Kunden und Mitarbeitende verbessern - praxisnah, sicher und an den Bedürfnissen der Anwender ausgerichtet. Ein aktuelles Beispiel ist unser KI-Assistent „PICO“, der administrative Aufgaben übernimmt und so den Außendienst entlastet, damit mehr Zeit für den persönlichen Kundenkontakt bleibt. Ergänzend dazu bietet „Würth Lens“ eine bildbasierte Produkterkennung über die Würth-App, die die Identifikation von Artikeln erheblich vereinfacht.
KI ist sicher auch in der Logistik präsent. Bleiben darüber hinaus Investitionen trotz des schwächeren Umfelds stabil, oder werden Projekte zeitlich gestreckt?
Stimmt, auch in der Logistik spielt KI eine wichtige Rolle: Aktuell kommen Roboter mit der Lösung „GripperAI“ zum Einsatz, die mithilfe von Kameras den passenden Greifer für unterschiedliche Teile auswählen. Darüber hinaus investieren wir weiter in diesem Bereich. So erweitern wir die Kapazitäten des Vertriebszentrum West in Künzelsau-Gaisbach um 37 Prozent und setzen auf ein hochautomatisiertes Shuttlesystem mit 104.000 Behälterstellplätzen. Bis 2030 streben wir einen Automatisierungsgrad von 75 Prozent an, unterstützt durch KI und Robotik.
Digitalisierung und E-Commerce gelten als Stabilitätsfaktor. Inwiefern kann der digitale Vertrieb bei Würth derzeit die Entwicklungen im klassischen Geschäft unterstützen?
Digitalisierung ist für uns kein Schlagwort, sondern gelebte Realität und ein entscheidender Stabilitätsfaktor. Wir verbinden den klassischen Außendienst, den Online-Shop und automatisierte Lösungen wie „ORSYSysteme“ oder unsere 24-Stunden-Niederlassungen, um unseren Kunden maximale Flexibilität zu bieten. Darüber hinaus investieren wir in digitale Services, die Prozesse bei unseren Kunden vereinfachen und Zeit sparen.
Viele Bauzulieferer setzen in Deutschland derzeit verstärkt auf Sanierung und Modernisierung statt Neubau. Folgt Würth dieser Strategie – und wenn ja, mit welchen Produkten oder Services?
Ja, Würth folgt diesem Trend konsequent. Sanierung und Modernisierung, insbesondere im Holzbau, gewinnen stark an Bedeutung. Wir bieten Holzbau-Systeme, Befestigungstechnik für mehrgeschossige Gebäude sowie Lösungen für Fassadenbau und Dachdeckerbedarf. Mit dem Zukauf der Firma GIP, einem Spezialisten für Fassadentechnik, stärken wir unsere Position im Bereich energetische Sanierung und erweitern unser Portfolio in wachstumsstarken Segmenten.
Blicken wir nach vorne: Welche Erwartungen hat Würth für die kommenden zwölf bis 24 Monate in Deutschland – und woran würden Sie erkennen, dass sich die Baukonjunktur wieder erholt?
Wir rechnen in den nächsten zwölf bis 24 Monaten eher mit einer schrittweisen Stabilisierung als mit einer schnellen Erholung. Sobald Zinsen, Förderbedingungen und Baukosten mehr Planbarkeit bieten, erwarten wir einen Nachholeffekt bei Sanierung, Modernisierung und Neubau. Politische Impulse wie die degressive AfA und der Bau-Turbo können zusätzlich Dynamik bringen. Außerdem verändert sich die Bauweise: Modularisierung und Automatisierung helfen, Kosten und Bauzeiten zu senken – das macht zurückgestellte Projekte wieder attraktiv.
Wir sehen wir uns jedoch nicht nur in der Verantwortung, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sondern auch aktiv einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, vorauszudenken und zu handeln. Mit Initiativen wie „MACH WAS“ oder der Aktion „Vereinshandwerker“ möchten wir zeigen, dass wir nicht nur über Verantwortung sprechen, sondern sie leben. Wir fördern Engagement, Bildung und Handwerk, weil wir überzeugt sind, dass nachhaltiger Erfolg nur dann möglich ist, wenn Unternehmen, Gesellschaft und Gemeinschaft zusammenarbeiten. Unser Ziel ist es, Perspektiven zu schaffen für die Zukunft.